Stiftung Jesus-Christus-Kirche 

 

Jahr

Ereignis

Quelle

1174

Evangelische Kirchengemeinde Meinerzhagen

(Evangelischer Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg)

Gründung: 1174                             Katechismus: Luth. Kat.

Einer Legende zufolge soll Meinerzhagen seinen Namen vom Einsiedlermönch Meinhardus erhalten Haben. Der an der Heidenstraße gelegene Ort könnte nach 1.000 entstanden sein [W 7993, 135]. »Meginhardeshagen« erscheint vorgeblich urkundlich zuerst 1067, als Zehntgefälle an das Kölner Stift St. Severin gezahlt wurden [2.2/16684; vgl. W 11154, 36]; der Kölner Erzbischof Anno II. dotierte zugleich die von ihm gegründete und erbaute Stiftskirche zum Heiligen Georg [W 412,6; Dresbach bezieht sich auf die Originalurkunde aus dem Archiv der Georgskirche in Köln, sowie auf Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Bd. 1, Düsseldorf 1840 (W 784 I), 209]. Die Echtheit, weniger der Inhalt dieser Urkunde werden bezweifelt [B 65, 96; B 2116, 3]. Die Urkunde scheint frühestens 100 Jahre später entstanden zu sein [W 10363, I: B. Englisch, in: Der Märker 1/1996, 3ff]. Hingegen bestätigt eine authentische Urkunde von 1174 die Entrichtung von Abgaben der Kirche in Meinerzhagen an das Kölner Severinsstift [2.2/16684; vgl. W 412,8]. In dieser Urkunde, die als Abschrift aus dem 17. Jahrhundert in der Bayrischen Staatsbibliothek erhalten ist, finden sich zwei der ältesten Ortsbezeichnungen Meinertshagens als »Memardishagen«oder »Meydardishagen«. Mit der Urkunde wurde die weltliche Gewalt resp. Die Vogtei von Propst Conrad (St. Severin) auf Graf Engelbert von Berg und dessen Erben übertragen [W 10363, 1f., 18].

Die Parochie Meinerzhagen wurde gebildet aus drei Bauerschaften; der Österfelder, der Lengelscheider und der Genkeler Bauerschaft [W 837, 261]. Ungefähr in ihrem gemeinsamen Mittelpunkt stand die Kirche [W 412,18]. Die Forschung nimmt an, dass die der Maria geweihte Kirche (ehemals: »Unserer Lieben Frau«) älter ist als der Ort [B 65,97]. In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, etwa seit 1220, entstand am höchsten Punkt des Ortes diese spätere evangelische „Jesus-Christus-Kirche“, die 1474 im Zuge eines größeren Umbaus ein gotisches Querschiff erhielt (Weihe des geschnitzten gotischen Flügelaltars 15.5. 1476) [W 7993, 136; B 2116, 4-6]. Als rheinische Emporenbasilika nimmt sie unter den gleichaltrigen Kirchen des Märkischen Kreises eine besondere kunsthistorische Stellung ein [B 65, 108; W 20610, 644]. Am 13. 1. 1247 verkaufte Mechthild, ehemalige Gräfin von Sayn, einen Großteil ihrer Güter in Drolshagen und Meinerzhagen dem Kölner Erzbischof Conrad [laut einer in das Jahr 1248 zu datierenden Urkunde: W 10363, 2f]. Diese Beziehungen zu Köln beweisen, dass der Grund und Boden, auf dem die Kirche stand, den damals ihrer Macht auf Meinerzhagener Gebiet noch ausbauenden Kölner Erzbischöfen gehörte, woraus auch deren Anspruch auf das Kollationsrecht resultierte [vgl. Robert Prößler: Das Erzbistum Köln in der Zeit des Erzbischofs Konrad von Hochstaden, Köln 1997]. Urkundlich ist 1214 Wernerus de Menhardeshagen als Pfarrer verzeichnet. Die Pfarrkirche, die 1310 als zur Dekanie Attendorn gehörig bezeichnet wurde, war im Mittelalter aufgrund ihres vermeintlich wudertätigen Marienbildes – das noch 1787 in der Kirche gewesen sein soll [B2116,4]- eine berühmte Wallfahrtskirche für viele Pilger. Sie hatte zeitweise fünf Vikarien. Außerdem befanden sich in der Gemeinde zwei Kapellen, die um 1750 nicht mehr vorhanden waren: die Kapelle in Wiebelsaat und die nahe gelegene, 1482 gebaute und geweihte

Murken, S. 410

 

Legende

„Demgemäß habe ein Mönch aus dem Stift St. Severin zu Köln namens Meinahrd in einem am Oberlauf der Volme gelegenen Hain (= Hagen) eine Kapelle genau an der Stelle errichtet, an der die spätere Pfarrkirche erbaut wurde. In seinem Besitz habe sich ein Marienbild befunden, dessen Wundertätigkeit nicht nur für seine Verkündigung Zeugnis ablegte, sondern auch die Tatsache dafür war, daß die Kapelle dem Schutz der heiligen Jungfrau unterstellt wurde. Die Kirche hieß im Mittelalter „Unser liewen Vrowen Kerke tho Meinertzhagen“, und auch die kath. Kirche im Zentrum trägt heute noch diesen Namen (St. Marien-Kirche)

Freitag, Meinhardus 1974, S. 69, zitiert nach Englisch, S. 15, Anm. 121

Nach 780

Capitulatio de partibus Saxoniae

„Die rechtliche Absicherung der Einführung des Christentums geschah in der bald nach 780 erlassenen Capititulatio de partibus Saxoniae Karls des Großen. Die für die Ausbreitung des Christentums wichtigste Vorschrift war die Anordnung, die den sächsischen Hundertschaften die Kirchenbaupflicht auferlegte und für eine angemessene Ausstattung der Pfarrstellen mit laufenden Einnahmen sorgte. Man hat früher geglaubt, alle im Liber Valoris, einem Verzeichnis der abgabepflichtigen Kirchen der Erzdiözese Köln, aufgeführten Kirchen, in die karolingische Zeit datieren zu müssen (auch Meinerzhagen befindet sich darunter), jedoch ist man dieser Meinung heute nicht mehr. Als Kirchen dieser frühen Zeit, sog. Urkirchen, werden in unserem Raum nur noch die Kirchen in Hagen, Menden, Attendorn und Gummersbach angesehen.

Die erste neue Kirche (sozusagen der 2. Generation) im Großkirchspiel Lüdenscheid war die vor 950 entstandene Kirche St. Lambertus zu Plettenberg, auf die dann die Kirche in Meinerzhagen gefolgt sein dürfte. In einer Urkunde aus dem Jahre 1067 werden die Kirchen in Lüdenscheid und Meinerzhagen erwähnt.. Erzbischof Anno II. schenkt der Stiftskirche zum heiligen Georg in Köln bei ihrer Dotation jährlich 5 Pfund in kölnischer Währung vom Zehnten in Meinerzhagen und Lüdenscheid. Die Echtheit dieser Urkunde wird jedoch bezweifelt, wenn auch gegen ihren Inhalt keine Bedenken bestehen. Sie wurde wahrscheinlich um 1150 angefertigt, um einen gültigen Rechtszustand festzuhalten. Damit ist ihre Datierung aber höchst ungewiß, vielleicht stammt sie nicht einmal von Anno II.

Auch die Baugeschichte der Meinerzhagener Kirche gibt uns keine Hinweise auf die Anfänge der Gemeinde in Meinerzhagen. Es wird angenommen, daß in der Zeit von etwa 1.000 bis etwa 1220 eine Holzkirche hier gestanden hat, doch man hat keinerlei Überreste davon gefunden. Es muß sogar darauf hingewiesen werden, daß auch in einer Zeit, in der man Wohnhäuser und Nutzbauten mit Holz ausführte, die Kirche wegen der höheren Vornehmheit des Gebäudes aus Stein errichtet wurde, ein Holzbau auch in früherer Zeit also unwahrscheinlich ist…..“

Freitag, Meinhardus 1974; S. 69

11. Jh.

„Also können wir davon ausgehen, dass es den Siedlungsnamen „Meinerzhagen“ frühestens zu Anfang des 11. Jahrhunderts, also der Jahrtausendwende, gibt. Die Lage des Ortes war wirklich geschickt und überlegt gewählt – wenn wir die Lageskizze beachten, wird das klar: Oberhalb der südlichen terrassenförmigen Neige zur rheinischen Tiefebene, am Knotenpunkt – dem Rotenstein- der verschiedenen Höhenzüge des Ebbegebirges, die großräumig gesehen, die Wasserscheide zwischen Wipper und Ruhr bilden, liegt die neue Ansiedlung. Aufgrund der Naturgegebenheiten liegt die auch im Schnittpunkt der Fernstraßen, die entlang der Flußläufe und über die Kämme der Höhenzüge die Bistümer und Pfalzen, die Handelsniederlassungen im Reich verbinden.

Der Name sagt uns auch, wer da ausgezogen ist, um ein Waldstück auf der Anhöhe zu umfrieden und zu kultivieren, also „einzuhegen“ und wirtschaftlich gezielt zu nutzen: das war einer, der hieß Meinert, Meginhard, Mainhart – vielfältige Schreibweisen gab es bis ins 19. Jahrhundert, eben nach Gehör. Es ist in einer Quelle wohl auch von „Meydardeshagen“ die Rede, das würde einen Bezug zum Bischof Medardus von Soissons herstellen, der im 6. Jahrhundert lebte. Obwohl Medardus in den Quellen an keiner Stelle sonst bestätigt ist, kann ein Patrozinium nicht völlig ausgeschlossen werden. Die Lüdenscheider Kirche ist Medardus geweiht und die Abtei Brauweiler, auch zu köln gehörig, verehrte Medardus und weist in den bauformen ihrer Kiche Ähnlichkeiten mit Meinerzhagen auf. Zudem gab es hier einen 1476 geweihten Altar, der heute in Hohenbudberg steht und in seinem Schrein auch eine Bischofsfigur trägt, die in Beschreibungen manchmal als Medardus erkannt wird – ich halte ihn allerdings nach den M. Archiv-Aufzeichnungen für Nikolaus, mit dem Geldstück als Attribut für seine Mildtätigkeit.

Meinhart, - das bedeutet der Großherzige – was war das für einer? Ein kraftvoller, mutiger Kerl, der für sich und seine Sippe neue Lebensgrundlagen suchte? Der tatkräftige Verwalter des vermutlich erzbischöflichen Besitzes? Ein Mönch, der sich vielleicht Medardus nannte und der vom Erzbischof zur Missionierung entsendet worden war? Oder doch der Eremit mit seinem wundertätigen Marienbild, von dem die Legende so schön berichtet, und die zuerst in der Chronik des Meinerzhagener Pfarrers Joh. Ad. Sohn 1740 schriftlich folgendermaßen fixiert wurde:

„Vor Zeiten, da hieherum noch meistentheils Gebirge und Busch gewesen, so man einen Hagen zu nennen pfleget, ein gewisser Ermite, namens Meinhart, allhie eine kleine Capelle gehabt und darin als Einsiedler gewohnt;… Um welche Zeit der Ort, die Kirche und die Gemeinde entstanden sind…Ich habe keine Nachricht noch Anzeige finden können, wann es geschehen, die älteste Nachricht, so ich in der Kirche gefunden, ist von 1326 (=heute verschollen, Anm.), also schon vorher geschehen seyn.“

Wir wissen es heute auch nicht viel besser. Zu vermuten ist, dass der Ort von Anfang an von herausragender Bedeutung gewesen ist: warum sollte sonst die älteren Ansiedlungen in den Quellmulden und an den Flußläufen (Scherl, Volme, Genkel, Immecke, Gotmicke, Listringhausen), die etwa kreisförmig um die neue Ansiedlung Meinerzhagen angeordnet sind, den Namen der jüngsten Gründung für das Kirchspiel übernommen haben? Und es ist das wundertätige Marienbild bezeugt, dem die Kirche den Namen „Liebfrauenkirche“ verdankt…Und es steht fest, daß die neue Siedlung bald florierte: Schon 1067 konnte der Erzbischof Anno II. , der Lehnsherr, dem neu gegründete Kloster St. Georg in Köln als Starthilfe einen Teil des Zehnten aus Meinerzhagen überlassen. Das ist auch der Augenblick, an dem die Gründung aus dem geschichtlichen Dunkel an das Licht der historischen Präsenz gelangt: der Erzbischof legt diese Schenkung schriftlich fest.

Leider hat die Sache einen Haken: diese Urkunde gehört zu den „echten Fälschungen“. Das heißt, die Aussage stimmt, das Datum ist falsch…..“

Jutta de Vries, 1996,S. 1ff

1067

„z. J. 1067 (Fä. 2. H. 12. Jh.) Meginhardeshagen (Rheinisches UB II, Nr. 253, S. 216)…Zur Ersterwähnung vgl. die Angaben der Edition und Englisch, Meinerzhagen, S. 3ff. Weitere Hinweise bringt Derks, Lüdenscheid, S. 16….“

Der Ortsnamen wird seit Förstemann, Ortsnamen II, Sp. 176, als Bildung mit dem GW –hagenund dem stark flektierten PN Meginhard gedeutet →“Einhegung des Meginhard“.

Flöer, S. 254/255,

mit weiteren Angaben

12. Jh.

→Grundwort ist as. Hagan, mnd. Hagen, Dornbusch, Strauch Hecke, Busch, Niederwald; →Hagen, Haan.

Derks, Lüdenscheid, S. 110

1067

„Das erste konkrete Zeugnis für die Existenz Meinerzhagens ist eine Urkunde, ausgestellt von Erzbischof Anno II. von Köln aus dem jahre 1067. Sowohl der Name dieses Ausstellers, als auch der genannte Zeitabschnitt; in den auch unsere Urkunde einzuordnen ist, ist das Salierreich (1024-1125), welches mit dem Investiturstreit, also den Auseinandersetzungen zwischen Papst, Klerus und weltlichen Fürsten um das Recht, das Bischofsamt zu vergeben, und dem Aufkommen der ersten Städte, um nur zwei Beispiele herauszugreifen, die Weichen für die politische Entwicklung in den nachfolgenden Jahrhunderten stellte. Doch gerade auch für unseren heimischen Raum zeitigte diese Periode weitreichende Auswirkungen, die in Gestalt der starken Regionalisierung wie auch der Entwicklung der Territorialherrschaften und Einflußsphären des Kölner Erzbistums und der Grafen von Berg wie auch der Klöster Deutz und Werden partiell bis in die Gegenwart hinein fühlbar sind. Zugleich betritt mit Erzbischof Anno II. 1010 geboren und 1075 gestorben, das Szenario eine der wohl faszinierensten Gestalten der mittelalterlichen Geschichte. Als Erzbischof von Köln seit 1056 und damit der erste Nichtadelige in dieser Position war Anno zugleich auch Kanzler durch Italien. Er gehörte indessen generell schon zu den bedeutendsten Männern seiner Zeit. Durch Entführung des noch minderjährigen Heinrich IV. 1062 auf der Rheininsel Kaiserswerth bei Düsseldirf gelang es ihm, als Erzieher dieses zukünftigen Herrschers auch die Regentschaft über das Reich an sich zu reißen und zum wahren, machthabednen Herrscher des Reiches zu arrivieren. Diese Position hatte er zwar nur bis 1065 inne, als Kaiser Heinrich IV. nach seiner Schwertleite ohne Vormund in seinem eigenen Namen regieren konnte. Doch reichten Anno diese wenigen jahre, um im Ränkespiel und zum Teil auch in kriegerischen Auseinandersetzungen zum Grundleger für die spätere ausgedehnte territoriale Macht des Erzbistums zu avancieren. Neben diesen weltlichen Tätigkeiten standen die geistlichen Interessen Annos II. keines wegs zurück, wenn auch eine Trennlinie zwischen beiden Bereichen kaum zu ziehen ist und auch die religiösen Aktivitäten des Kölner Erzbischofs stets im Zusammenhang mit seinem machtpolitisch-administrativen Desideraten betrachtet werden sollten. Durch die Gründung der Klöster Siegburg und Grafschaft wurde er zum entscheidenden Wegbereiter der cluniazensischen Klosterreform in Deutschland. Hinzu trat die Gründung der Kölner Kirchen St. Mariengraden, und besonders auch St. Georg, in deren Stiftungsurkunde die besagte Ersterwähnung Meinerzhagens stattfand.

Doch versucht man nun, dieses Datum als Beginn der Meinerzhagener Geschichte zu dfinieren, zeigt sich eine Reihe äußerst difficiler Probleme. Die Echtheit dieser Urkunde ist in der Vergangenheit häufig hinterfragt worden, ohne jedoch eine eindeutige Antwort auf die Problemstellung «authentisches Schriftstück oder Falsificat«zu finden. Demgemäß gilt sie im relevanten Schrifttum als echte Urkunde, als gerfälschte Urkunde mit wahrem Rechtsinhalt oder ganz banal als Fälschung….

Englisch, S. 5

→[Oediger, F.W.: Regesten der Erzbischöfe von Köln, Bd. 1, Bonn 1954, S. 280/281..]

1067

Ersterwähnung Meinerzhagens

„Bei St. Georg I handelt es sich, wie bereits erwähnt, um ein Schriftstück des Erzbischofs Anno II. von Köln, in dem er die von ihm gegründete Kirche St. Georg in Köln mit Besitzungen ausstattet. Diese Zweckbestimmung wird häufig als Beleg dafür genommen, daß auch das im zweiten Urkundenteil erwähnte Meginhardeshagenin den Besitz von St. Georg gekommen sei. Diese Deutung übersieht aber eine zentrale inhaltliche Variante des Textes. So übereignet Erzbischof Anno II. der Kirche St. Georg zunächst einen Teil des Bannrechtes in Köln, d.h., des Rechtsbezirkes, den bisher das Kölner Stift St. Severin innehatte. Als Entschädigung für diesen Verlust übergibt er dem Probst und den Kanonikern im Tausch neben anderen Gütern 5 Pfund aus dem Zehnten zu Meinerzhagen, Lüdenscheid und Solingen.“ Dazu Anm. 27, gleiche Seite:

Lacomblet I, Nr. 209, S. 136:

Continebant siquidem privilegia ecclesie sancti Severini confessoris sui iuris esse bannum usque ad portam que appellatur alta, quem quidem a canonicis et preposito eiusdem monasterii per concambiam accepimus.(….) donantes eis pro banno et areis V. libras singulis annis de decimatione que est Meginhardeshagen et Luidoluessceith, atque Solonchon.“………

Englisch, S. 6 zu St. Georg I

→ Oediger, F. W. : Regesten der Erzbischöfe von Köln, Bd. 1, Bonn 1954, S. 280/281 [AEK, Pfarrarchiv Köln, St. Georg AI 1= Signatur des historischen Archivs der Stadt Köln

1067

→Welchen Wert haben 5 Pfund?

„Allein der Betrag, welchen die drei Städte Meinerzhagen, Lüdenscheid und Solingen aus dem Zehnten zu entrichten hatten, ist bereits als stattliche Summe zu bewerten. Für den größten Teil Europas, also auch für Köln, war im Mittelalter die Münzordnung Karls d. Großen richtungsweisend, nach der 1 Pfund Silber ca. 367 Gramm entsprach. Auf ein Pfund kamen folglich 240 Denarii, also Silberstücke. Versucht man sich deren Kaufkraft zu verdeutlichen, wird offenkundig, welcher Wert sich tatsächlich dahinter verbarg. Kosteten um 900 2 Hühner einen Denar, 1 Pflugschar 4 Denare, 1 Ochse 5, ein Kleid 8 und 2 Morgen Ackerland 16 Denare, also so viel wie zwei Kleider, schlug um 1250 ein Schaf mit 40 Denaren zu Buche. Selbst wenn man allmählich einen Wertverlust des Silberpfennigs zu konstatieren hat, stellt die Summe von 1200 Denaren als Teil des Zehnten dreier Orte keines wegs einen geringfügigen Betrag dar. Auf jeden Ort entfielen damit ca. 400 Silberstücke. Dies gilt besonders, wenn man davon ausgeht, daß es sich um eine vorwiegend ländliche Bevölkerung handelte, die im 11. Jahrhundert mehr auf Tausch- und Natural- als auf Geldwirtschaft ausgerichtet war. Generell bleibt ferner festzuhalten, daß, da der Zehnte insgesamt wohl noch um einiges höher war als 5 Pfund, die Städte als wohlhabend zu gelten haben. Konstatiert man, wofür alle bisher aufgeführten Fakten sprechen, daß die Passage über die Beschneidung der pfalzgräflichen Rechte und die Besitzübertragung an etablierte Kölner Kirchen ausschlaggebendes Moment der Fälschung war, spielte damit u.a. auch der Besitz einiger Einkünfte Meinerzhagens, Lüdenscheids und Solingens eine so bedeutsame Rolle, daß er hier explizit genannt wurde.

Englisch, S. 12

1067

→Woher kam dieser Besitz?

„Hilfreich demgegenüber erwies sich indessen die Frage nach denjenigen, die Besitzeinbußen erleiden, ohne daß dafür eine entsprechende Entschädigung geleistet wird. Und genau dies ist der Punkt, an dem man fündig werden kann. Vordringlich erleiden gleich zwei Parteien eine Besitzminderung, St. Severin, das Teile seines Kölner Einflugebietes abtreten muß, aber dafür andere Güter erhält und ein nicht näher bezeichneter Pfalzgraf. Dieser stellt eine ganze Reihe von Rechten, Einkünften und Orten zur Verfügung und zwar freiwillig….“ Bezug auf „freiwillig“ = Anm. 55:

Lac. I., Nr. 209, S. 136: „..(…..) Meginhardeshagen. Et Luidoluessceith. Atque Solonchon. Quam quidem tenuit Palatinus comes in beneficium. Sed hoc apud illum effecimus. Quod nobis sponte eam reddidit“ und (…..) que etiam in beneficio Palatinis comitis fuerant“.

Englisch, S. 9

1067

→ Was steckte dahinter?

…Dieses bedeutet jeoch, daß er [Anno II.] neben dem nachweislich schon im 1o. Jh. existierenden Solingen auch im Fall der beiden andern Orte für das Jahr 1067 nicht nur die bloße Existenz, sondern auch einen gewissen Reichtum als gegebene Tatsache und Bedingung seiner Urkunde voraussetzte. Zumindes für Lüdenscheid korrespondiert diese Aussage mit den weiteren in diesem Kausalzusammenhang zu nennenden urkundlichen Erwähnungen, nämlich einer bereits für das Jahr 1115 bezeugten Burg in Lüdenscheid. Ehe unwahrscheinlich ist, daß man eine Befestigung dort errichtete, wo es nichts zu verteidigen gab.      „

Englisch, S. 12

 

1174

Damit bleibt aber, nach denkbaren Gründen der Mönche der beiden Klöster St. Georg und St. Severin dafür zu suchen, daß sie sich mit Hilfe eines Falsifikates den Anspruch auf einen Besitz sichern wollten, der vermutlich Ende des 11. Jahrhunderts von den Pfalzgrafen bei Rhein aufgegeben worden war. Über die permanenten Desiderate für Lebenshaltung, Kirchendienst und –bau hinaus gibt es einen Hinweis auf eine unmittelbare Initiierung einer Fälschung durch die äueßeren Zeitkonditionen. Aufschluß kann hier die zweite urkundliche Nachricht geben, in der der Name Meinerzhagens Erwähnung fand. Im Jahr 1174 bekundet Propst Konrad von St. Severin, daß er dem Grafen Engelbert von Berg die Vogtei, also die weltliche Gewalt über den Zehnten seiner Kirche, übertragen habe. In diesem Zusammenhang wird unter anderem der Name Meinerzhagen gleich zweimal zitiert, einmal als Pfarrei zu Meinhardishagen, einmal als Meydardishan, das 3 Dortmunder Mark zu entrichten habe.

Englisch, S. 12

1174

„Conrad Propst der Kirche des hl. Severin (in Köln) bekundeet folgendes: Ihre Kirche habe wegen der Zehnten der Pfarreien zu Gummersbach (Gummersbracht) und Meinerzhagen (Meinardishagen), die wie auch der Hof zu Lindlar (Lintlo) für die Pfründen ihrer Stiftsmitglieder (fratrum nostrorum) bestimmt sind, viel Last gehabt, teils wegen der Schwierigkeiten beim Erheben der Zehnten, teils auch wegen des harten Sinnes des Volkes dort (poropter nationis illius naturalem duritiam). Daher habe Graf Engelbert von Berg begehrt, ihm als Vogt der Kirche diese Zehnten zu übertragen, was mit seiner und des Kapitela Zustimmung (congregationis assensu) alsdann geschehen sei. Diese Zehnten verteilen sich auf bestimmte Termine und Orte: Gelpe (Gelepe) zahlt 4 Kölner Mark, Ründeroth (Ruinederode) 28 Kölner Schillingen (solidi), Müllenbach (Mulenbecke) 6 Kölner Schillingen, Gummersbach (Gummersbrecht) 6 Mark, Wiedenest (Widienust) 3 Dortmunder Mark, Meinerzhagen (Meydardishagen) 3 Dortmunder Mark und Lieberhausen (lieburgehusen) 18 Dortmunder Mark. Dazu kommen für die Lieferung von Gänsen und Hühnern am Feste des hl. Severin 24 Kölner Schillinge, wobei jeweils 15 Dortmunder Schillinge gleich 12 Kölner Schillinge gerechnet werden, so daß die Gesamtsumme 22 ¾Kölner Mark ausmacht. Die neue Regerlung soll die sein, daß der Graf nunmehr den gesamten Zehnten erhalten soll unter der Bedingung, daß er jährlich am Sonntag nach Remigius (1. Oktober) 22 ¾Kölner Mark an die Kirche (in claustro nostro) zahlt. Zur Bekräftigung dieses – auf deutsch „verhure“ genannten – Abkommens leistet der Graf noch eine einmalige Zahlung von 50 Mark Silbers. Kommen der Graf oder seine Erben, für die dieser Vertrag gilt, mit ihrer Zahlung in Verzug, o ist 40 Tage nach Fälligkeit und Mahnung dieses Abkommen nichtig, ohne daß ein Rückforderungsrecht auf die gezahlten 50 Mark besteht. – Zeugen sind der Dompropst Bruno, die Pröpste von St. Gereon und St. Aposteln in Köln, der Propst von Rees und zahlreiche weitere genannte Geistliche, ferner Ministerialen der Kirche St. Severin und die Ministerialen des Grafen von Berg, Theodericus und Pilgrimus.“

Aders, S. 54/55

→Abschrift im Kopiar des Stiftes St. Severin, jetzt im hist. Archiv der Stadt Köln. Weitere Abschrift in der Slg. Redinghoven Bd. 7 Bl. 409

1180

Reichstag von Gelnhausen

„In der Tat waren in der Zwischenzeit einige wesentliche Änderungen der Verhältnisse eingetreten, in deren Umfeld die beiden bisher genannten Schriftstücke [1067 u. 1174] einzuordnen sind. Das eine war das Auftauchen der Grafen von Berg im Rheinland und im westfälischen Raum. Dieses Herrschergeschlecht füllte das Vakuum aus, welches die Pfalzgrafen bei Rhein nach ihrer Abdrängung nach Süden offengelassen hatten. Sie waren es, die dem politischen Expansionswillen der Kölner Bischöfe z.T. nachhaltig Einhalt geboten. In diese Position avanciert waren sie durch die Erlangung der Vogteirechte fast aller kirchlichen Institutionen im Umkreis, der Klöster Essen, Werden, Gerresheim, Siegburg und Deutz, die dem vereinigten Machtpotential zweier Grafschaften gleichkamen. Mit ihrem territorialpolitischen Anspruch korrespondierte es, daß sie zwischen 1131 und 1158 zweimal den Erzbischof von Köln stellten (Bruno II. von Berg, Friedrich II von Berg). Gerade zu der Zeit jedoch, als der Erzbischof von Köln jedoch  tatsächlich im Gebiet Westfalens neben der geistlichen auch die weltliche Macht innehatte, indem ihm 1180 auf dem Reichstag zu Gelnhausen das Herzogtum Westfalen und Engern zugesprochen wurde, lag der Krummstab in den Händen eines Mannes, der den Grafen und ihrem Einfluß mit Nachdruck entgegenstand. Kein Mittel ließ Erzbischof Philipp von Heinsberg in den folgenden Jahren unversucht, um die Herrschaftsrechte der Grafen von Berg einzugrenzen.

Genau in diesen Zeitabschnitt fällt nun die Urkunde von 1174, die den Grafen von Berg weiterreichende Vogteirechte zuerkennt, also ihren Machtbezirk erweitert. Aussteller ist bezeichnenderweise nicht der Erzbischof, der sich zu dieser Zeit gerade in Italien befand. Diese Fakten klingen zusammen genommen nach einem sehr effektiven Arrangement, bei dem alle Beteiligten, ausgenommen natürlich nur der Erzbischof, nur verdienen konnten. Zieht man die Überlegung in Betracht, daß diese Besitzzusammenstellung möglicherweise erst nach 1180, vermutlich im Hinblick auf das erste Einkünfteverzeichnis St. Severins um 1190 abgefaßt wurde, erhält das ganze Vorgehen eine logische Konsequenz, besonders wenn man auch die Annourkunde St. Georg 1 mit in diesen Kontext einbezieht.

Das neugebildete Herzogtum Westfalen befand sich nach 1180 in einer Siktuation nachhaltiger Machtumstrukturierung, eine Konstellation, die die konsequente Fortführung eigener Interessen mittels Erweiterung des Urkundenbestandes, d.h. der belegbaren Rechte und Einkünfte einzelner Parteien, durchaus befördert haben dürfte. Dies ist zum einen die Vergrößerung des Kirchenbesitzes von St. Georg und St. Severin durch eine gefälschte Annourkunde. Dort wird beiden Kirchen ein Besitz zugesprochen, von dem man wußte, daß er ursprünglich dem Pfalzgrafen gehörte, den Anno II. bekämpft hatte. Dessen Besitzungen hatte Erzbischof Anno II. darüber hinaus tatsächlich teilweise zur Ausstattung seiner Klöster benutzt. Folglich konnte man auf solche Güter mit relativ plausibler Begründung einen Anspruch erheben, ohne unmittelbar als Fälscher auffällig zu werden. Die Grafen von Berg indessen weiteten durch die Fälschungen der St. Severiner Mönche ihren Besitz um die Vogteirechte einiger einträglicher Orte aus, möglicherweise um den Preis, die Ansprüche beider Kirchen im besagten Gebiet zu unterstützen. Damit wäre aber die Urkunde St. Georg 1 in der vorliegenden Form, wofür ja schon die Untersuchung des Schriftstückes sprach, in denselben zeitlichen Kontext einzuordnen, in dem die folgenden Erwähnungen Meinerzhagens stattfanden. Der Abfasser beider Urkunden wäre aber somit im Bereich des Klosters St. Severin ca. um 1190 zu suchen.

Solche Falsifikate monastischer Gemeinschaften sind für das 12. Jahrhundert im kölnisch-niederländischen Raum keinesfalls als Seltenheit zu betrachten. Wenigstens 6 Urkunden der Abtei Deutz und 3 der Abtei Groß St. Martin in Köln sind beispielsweise ebenfalls im 12. Jh. entstanden, obwohl sie Rechtsinhalte des frühen 11. Jh. thematisieren. Auch die Fälschungen des Klosters Brauweiler sind in diesen Zeitkontext einzuordnen. Man kann also davon ausgehen, daß auch die St. Severiner Mönche sich eines zu ihrer Zeit probaten Mittels bedienten, um sich betimmte Ansprüche zu sichern.

Englisch, S. 13

Ca. 1190

Aus den Heberegistern des Stiftes St. Severin zu Köln

Bl. 23: Comes de Monte solvit ecclesiae S. Severini quolibet anno XXVI marcas, III solidis minus proxima decima post festum S. Remigii pro redemptione decimarum Gelippe (Gelpe) IV marc., Runniderode (Ründeroth) XXVIII sol., Mulinbecke (Müllenbach) XXVI sol., Gummersbreth (Gummersbach) VI marc. Et III sol., Widenist (Wiedenest) III marc, Meinhardishagen III marc., Liburgehusen (Lieberhausen) XVIII sol.

Aders, Nr. 5, S. 55

→ nach einer Aufzeichnung über die Einkünfte des Stifts St. Severin, jetzt im Hist. Archiv der Stadt Köln, Dep. St. A. Düsseldorf, St. Severin, Akten Nr. 11.

1188/1190

Zwie Listen der Lehnserwerbungen des Kölner Erzbischofs Philipp [von Heinsberg]

„Archiepiscopus Reynaldus comiti Henrico persolvit pro castro Althena mille 220 marcas in beneficio concesso“, d.h. Erzbischof Reinald zahlte dem Grafen Heinrich 1220 Mark für die Burg Altena, die er als Lehen ausgegeben hatte.

[Graf Heinrich = Heinrich I. von Arnsberg, 1145-1200; vgl. zu der Urkunde: Johannes Bauermann: Altena – von Reinald von Dassel erworben? Zu den Güterlisten Philipps von Heinsberg, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 67(1971), S. 227ff; diese Urkunde hier nur aufgenommen als weiterer Beleg für den hohen Wert auch der Burg Altena in dieser Zeit.]

Altenaer UB I, Nr. 5, S. 5/6

Druck: Knipping, die Regesten der Erzbischöfe von Köln, Bd. I, II, Bonn 1901, Nr. 1580

12. Jh.

Konsequnenzen für Meinerzhagen

„Die Tatsache, daß, wie bereits bemerkt, die Urkunde [von 1174] eine Reihe von Fehlern enthält, welche keinem offiziellen Schreiber der bischöflichen Kanzlei unterlaufen wären, unterstreicht diesen Charakter einer Klosterfälschung, bei der man in etwa, aber doch nicht exakt das Formular einer Bischofsurkunde des 11. Jh. kannte. Daß dieses etablierte, hochangesehene Kloster sich hierzu auf eine Urkunde für St. Georg stützte, kann dabei als findiger Kunstgriff bezeichnet werden, da so vom Fälscher abgelenkt und das Falsifikat damit wohl auch nicht so schnell als solches erkannt wurde. In wieweit es darüber hinaus auch eine Rolle spielte, daß der Propst von St. Georg dem Geschlecht derer von Berg entstammte, kann hier nur vermutet, wenn auch nicht bewiesen werden. Jedoch erhalten der in der Urkunde vom Propst Konrad beklagte harte Sinn des Volkes und die Schwierigkeiten beim Erheben des Zehnten, die bisher zumeist zur einer negativen Charakteristik der frühen Meinerzhagener als geizig und starrsinnig herangezogen wurden, unter diesen Voraussetzungen eine ganz andere Qualität. Der Widerstand könnte in den Versuchen St. Severins eine Begründung finden, sich die zur Disposition stehenden, ehemals pfalzgräflichen Gebiete zu verschaffen, auch wenn – bis zu den Fälschungen des späten 12. Jh. – keine über jeden Zweifel erhabene Rechtsgrundlage dafür vorhanden war. Solches Vorgehen könnte bei den Betroffenen dieser Besitztum-Schichtungen eine gewisse Verweigerungshaltung hervorgerufen haben.

Aus der oben beschriebenen Konstellation ergeben sich für die mittelalterliche Geschichte Meinerzhagens eine Reihe von Fakten. Zum einen ist die früheste Ortsbezeichnung keines wegs allein auf die bisher populärre Variante Meginhardeshagen der Annourkunde St. Georg 1 zu beschränken, da sie zeitgleich mit der Urkunde St. Severins von 1174 entstand. Dort findet sich aber ergänzend noch eine weitere Form des Ortsnamens, nämlich Meydardishan, die damit parallel zur ersten für das Ende des 12. Jh. eindeutig belegt ist. Es bleibt folglich zu ergründen, welche Bezeichnung wohl die ursprünglichere ist.

Für Meydardishan spricht die enge Verwandtschaft zum heiligen Medardus, dessen Weihetitel die Lüdenscheider Kirche trägt. Eventuelle Interdependenzen sollten daher überdacht und das bestehende Schriftmaterial im Hinblick auf diese zweite Namensform überprüft werden. Auch die Analyse des primären Patroziniums der Meinerzhagener Kirche, also des Heiligen, dem eine Kirche geweiht ist und dessen Reliquien im Altar aufbewahrt werden, sollte unter diesem Aspekt noch einmal vorangetrieben werden. Zwar gilt die heutige Jesus-Christus-Kirche aufgrund ihres Namens „Unser liewen Vrouwen  Kercke“ als ehemaliges Marienpatrozinium [de Vries, Meinhardus, Heft 2/1980, S. 28] Die Authentizität dieses Kirchweihtitels ist damit jedoch keineswegs nachgewiesen.

In der Frühzeit, d.h. bis ins Spätmittelalter hinein, waren die meisten Kirchen vielmehr Heiligen gewidmet, da zur Weihe des Hochaltars Reliquien des dort zu verehrenden Heiligen vonnöten waren und die Patrozinien von Hochaltar und Kirche zumeist übereinstimmten. Demgegenüber war gerade die Errichtung einer Marienkirche eher problematisch, da von Maria keine Reliquien erhalten waren, ohne die jedoch nur eine Kirchweihe, nicht aber die des Hochaltares realisierbar war. Aus diesem Grund muß im Falle einer Marienkirche stets ein weiterer Patron für den Hocaltar vorhanden sein, was folglich auch für Meinerzhagen zu vermuten ist. Zudem findet sich eine intensivierte Herausbildung des Marienkultes auch in Form von Kirchweihtiteln im westfölischen Raum erst im Spätmittelalter, frühestens etwa seit dem 14. Jh., mit deutlichem Schwergewicht auf dem 15. Jh. Für diese Zeit muß aber angesichts der zuvor angestellten Überlegungen wie auch gemäß des Baubefundes und der erhaltenen Reste der Wandmalereien die Meinerzhagener Kirche als bereits vorhanden angenommen werden.

Im Gegensatz zu diesem eher jüngeren Kirchenpatrozinium handelt es sich bei dem Kult des heiligen Medardus um eine sehr alte Tradition, die seit dem 7. Jh. greifbar ist. Die Möglichkeit, daß die Bezeichnung Meydardishan eine Reflexion des ursprünglichen Patroziniums darstellt, unter dessen Signum Meinerzhagen christianisiert wurde, ist kaum pauschal zu negieren. Da Lüdenscheid nur einen Tagesmarsch entfernt war und mittelalterliche Missionare die Reliquien bei sich führen mußten, mit deren Hilfe sie eine Kirche weihen konnten, ist eine eventuelle Beeinflussung von oder nach Lüdenscheid im Bereich des Vorstellbaren. Dabei sollte auch das Faktum berücksichtigt werden, daß Meinerzhagen im Quellgebiet des Flusses Volme leigt, der eine der naturgegebenen logischsten Verbindungen zur Ruhr und zum Hellweg darstellt. Solche Flußquellen waren aber in der Frühzeit oftmals Lokalitäten heidnischer Kultentfaltung bzw. sogar Heiligtümer und daher als präfigurierte Glaubensstätten der sich ausbreitenden christlichen Religion für die frühen Missionare besonders attraktiv. Auch der Weg, den eine solche Mission unter dem Medarduspatroziniumj möglicherweise schon in der Zeit des merowinigischen Frankenreiches genommen haben könnte, ist somit denkbar.

Demgemäß sollte auch die Hypothese überprüft werden, daß man später, vielleicht durch die historisch verbürgte Beziehung zu St. Severin, in den Besitz eines in den Meinerzhagener Sagen stets propagierten Marienbildes kam und daß bedingt sowohl durch dessen anwachsende Berühmtheit und Wundertätigkeit als auch konform zum Zeitgeist darauf ein Wechsel des Kirchenpatroziniums stattfand. Es ist jedenfalls keines wegs unbedeutend, daß im Jahre 1474 die Kirche nicht nur umgebaut wurde, sondern man 1476 auch einen neuen Altar weihte. Eine solche Altarweihe könnte zu einem Wechsel des Patroziniums in der oben geschilderten Weise geführt haben, besonders da das Marienpatrozinium exakt mit den Gepflogenheiten und Vorlieben des 14. Und 15. Jahrhunderts korrespondiert. Die besagte Legende würde damit zwei oder mehrere Traditionsschichten enthalten, was für diese Form der Überlieferung keine Seltenheit darstellt.

Der sicherlich interessanteste Sachverhalt ist aber die Bedeutung, die Meinerzhagen in den beiden zuvor besprochenenen Urkunden zuerkannt wird. Die Gemeinde wird nicht nur stets als relativ wohlhabend geschildert, was mit einem kostspieligen Kirchenbau einer dreischiffigen Pfeilerbasilika mit Emporengeschossen, im 13. Jh. harmoniert, den sich eine arme Gemeinde überhaupt nicht hätte leisten können. Darüber hinaus bildet Meinerzahgen den einzigen Schnittpunkt zwischen zwei Urkunden, war also nicht nur das, was St. Severin erlangen, sondern auch bewahren wollte, obwohl stets nur vom Zehnten, nie aber vom Besitz Meinerzhagens die Rede war.

Das Ergenis der Analyse von St. Georg 1 sind also bezüglich des vorliegenden Untersuchungsraumes erneut weiterreichende Fragen. So ist es zum einen unabdingbar, generell zu ermitteln, was die nachträglich in St. Georg 1 erwähnten westfälischen Orte so wertvoll machte, daß sie zum Kernpunkt einer Urkundenfäälschung werden konnte. Eingedenk der bislang angenommenen eher agrarisch-ländlichen Prägung dieses Gebietes scheint dieses Interesse doch so augenfällig, daß hier eine weiterreichende Überprüfung der Modalitäten und Strukturen während des Hochmittelalters einsetzen sollte. Hinzu tritt das Desiderat einer Untersuchung der ursprünglichen Machtverhältnisse der Region Südwestfalens, die sich weder für die Pfalzgrafenherrschaft noch für die sich nachfolgend herausbildenden Herrschaften zum gegenwärtigen Zeitpunkt als geklärt erweisen.

Zum andern bleibt in allen konsultierten Schriftbelegen unbeantwortet, zu wessen Einflußbereich eyplizit Meinerzhagen bis ins 13. Jahrhundert faktisch gehörte, obwohl der Ort mehrfach urkundlich erwähnt wird. Vielmehr wird diese Thematik in sämtlichen schriftlichen Zeugnissen stets nachhaltig umgangen. In allen untersuchten Fällen wird Meinerzhagen aber gleichzeitig, sei es auch indirekt, eine besondere Bedeutung zuerkannt. Zudem erscheint die Meinerzhagener Kirche schon in der Urkunde von 1174 einen echten Sachverhalt widerzuspiegeln, denn eine weitere Quelle deutet genau in diese Richtung. Im Urbar des Klosters Werden, das im 13. Jh. entstand, gilt Meinerzhagen als Parochialkirche. Als Mutterkirche eines Kirchspiels muß aber mindestens eine Kapelle von ihr abhängig gewesen sein. Damit ist aber für das 12. Jh. die Existenz einer Pfarrei als relativ sicher anzunehmen und für die davor liegende Zeit wahrscheinlich. Und dennoch ist es auf dem heutigen Stand der Erforschung der Meinerzhagener Ortsgeschichte unmöglich, Aussagen über die Eigentumsverhältnisse dieses – man bedenke die Höhe der kirchlichen Abgaben – sicherlich nicht unerheblichen Grundbesitzes zu treffen. Es wird also auch hier neben der weiterreichenden Erforschung des Ortsnamens und des Patroziniums der Meinerzhagener Kirche, notwendig sein, Recherchen anzustellen, um diese Lücke in dem Wissen um die Vergangenheit dieses Gebietes zu schließen…………..

Statt einer stereotyp-austauschbaren bäuerlichen Dorfgemeinschaft konturiert sich Meinerzhagen in seiner historischen Frühzeit als begehrtes Objekt unterschiedlicher Interessen und im Einflußspektrum der verschiedensten Gruppierungen. Insgesamt heben sie Meinerzhagen über das Gros der sie umgebenden Ortschaften heraus, für die vergleichende Statements über Besitzstrukturen, Kirchenabgaben, o. ä. wesentlich einfacher zu erstellen sind. Zugleich wurde deutlich, daß das Bestehen Meinerzhagens aufgrund der Bedeutung, die der Gemeinde im 12. Jh. zuerkannt wird, für das 11. Jh., auch wenn die Urkunde nicht zu dieser Zeit geschrieben wurde, kaum in Zweifel zu ziehen ist….

Englisch, S. 14

1214

Wenerus de Menhardeshagen, Pfarrer

Flöer, S. 254

→WUB VII, Nr. 104, S. 47

Murken, S. 415

1248

Meinarzhaen

Flöer, S. 254

→WUB VII, Nr. 657, S. 290

2. H. 13. Jh.

In parochia Meinartshagen

Flöer, S. 254,

→Urb. Werden I, S. 355, Z. 15

1326

Joh. Adolf Sohn (1740) zu einer in der Kirche gefundenen Jahreszahl:

„Denominatio. [Benennung].Woher dieser Ort den Nahmen habe, ist zwar ungewiß, indessen hat mann doch eine frequente [häufige, viel begangene] Tradition desfals, die ich auch in dem Anfang zu meiner Antrits-Predigt mit drucken laßen, laut selbiger hats den Nahmen von einem Eremiten nahmens Meinhard, der eine kleine Capelle auf dem Platz stehen gehabt, wo ex post [hinterher, nachher] unsre Kirche ist hingebauet worden. Nun soll schon hiebevor hiesige Gegend, wo meistentheils Gebirge gewesen, wegen benandten Eremitens Aufenthalt, des MeinhartsHagen seyn genandt worden. Bey Anbauung des Orts aber hat man eine Kirche nötig gehabt, hie ist nun wieder eine Tradition, daß solche Kirche anfangs oben im Tempel stehen sollen, woher selbiges Land annoch den Nahmen führen mag, endlich aber habe man sich vereiniget und solche an den Ort gebaut, wo des Meinhards Capelgen gestanden, und der hiesige Ort und Dorff ist nach wie vor Meinertshagen genandt worden.

 

Seite 6

Um welche Zeit der Ort, Kirche und Capelle erbauet?

 

Ich habe keine Nachricht noch Anzeige finden können, wenn es geschehen, den die älteste Nachricht, so ich in der Kirche gefunden, ist von 1326; [es] muß also schon zuvor geschehen seyn. Es ist aber ein neu Chor an die Kirche gebauet, das ist geschehen A[nn]o 1474, wie an einem Stein auswendig am ChorPfeiler [noch heute!!] zu sehen ist.

Wann die Capella S. Crucis die hillige Crütz Capelle, so gen Abend [=Westen] am Dorff, an der Landstrassen in Langhars Hofe im Eck gestanden, gebauet, davon ist keine Nachricht, nur muß es doch eine berühmte Capelle gewesen seyn, denn man findet viel davon; [die]selbe hat auch die herlichste Revenues [Einkommen, Renten] gehabt, so jetz zu unser Kirche gezogen. Zu dieser Creutz Capellen ist eine Bruderschafft gewesen, und hat sie zwey Brödermeister oder Vorsteher gehabt; man findet noch Nachricht von häuffigen Fundationen [Begründung, Stiftung, Anlage] der Messen in dieser Capelle.

Die Patronen dieser Capellen sind gewesen Sanct Johann, St. Catharina u. Lucia.“

 

Sohnsche Chronik, S. 5/6

1392

Hermann Stümmer, Pfarrer

Murken, S. 415

1399

Johann von Brylon, Pfarrer

Murken, S. 415

1414-1463

Einkünfte des kurkölnischen Amtes Waldenburg, Schnellenberg und Attendorn

Hierzu gehören u.a.

„Item curtis im Meynershagen XII maldra annone“

Dösseler II, Nr. 9, S. 65

1424

Heinrich Smalenborgh, Pfarrer

Murken, S. 415

1458

Johann, 1482-1498 Johann von Heyschotten (Hoystotten, Heystotten)

 

1459/73

Zoll zu Meinerzhagen

Auszüge aus Rechnungen der Rentei Altena um 1530 als Beleg für den Anspruch des Grafen von der Mark auf den Zolle zu Mzhgn.

Dösseler II, Nr. 10, S. 65

→Burgarchiv Altena, Grenzakt. 11, f. 32b

1463, Dez. 13

Klevische Befestigung zu Meinerzhagen

Jacob van Spedynckhuysen (Rentmeister zu Altena) an Herzog Johann v. Kleve: Warnung vor kölnischen Anschlägen auf Meinerzhagen, nach Einnahme des Dorfes es befestigen zu wollen, um Neustadt vom Süderlande abzutrennen. Um diesen Plan ungehindert durchführen zu können, wollten die Kölnischen die benachbarte Kirchspiele Valbert und Kierspe durch Brand verwüsten und entvölkern. Das Kirchspiel Valbert sei schon bis auf 4 Leute, die ihre Häuser noch behalten hätten, abgebrannt. Bitte um Gegenmaßnahmen.

Datum: 1463 „up Sunte Lucien dage“

StA D., Kleve-Mark XXII, Nr. 43a →weitere Korrespondenz zwischen Kleve und herzoglichen Machthabern im Süderlande (Ritter Goswin Ketteler, Joh. V. Edelkirchen, Amtm. Zu Breckerfeld) betr.: Befestigung von Meinerzhagen, von klevischer Seite. Deswegen soll der Turm, den Peter Slunsken, der kölnische Schultheiß, innehat, und der Kirchturm eingenommen werden, um sie zu befestigen und 8-10 wehrhafte Männer mit „knypbussen unde armborsten“ hineinzulegen. Aufzeichnung über die Befestigungsarbeiten und die Verpflegung der Besatzung.

(Anfang 1464)

Dösseler II, Nr. 11, S. 65/66

1474

Das Langhaus ist der älteste erhaltene Bauteil aus dem 13. Jh., das schließt man aufgrund der vergleichenden Bauforschung.; Querhaus und Apsis wurde 1474 geweiht: das zeigt ein gotischer Weihestein am nord-östlichen Strebepfeiler der Apsis; und der Turm mit seinen seitlichen Untergeschossen stammt aus dem Jahr 1816, das geht aus den Konsistoriatsbauakten im Arhciv und einer Sandsteinplatte über dem Portal hervor.

Querhaus und Apsis stammen von 1474

De Vries, S. 6

De Vries, Meinhardus2/80, .s. 29

1476

Weihung eines neuen Altars

„Im Jahre 1732 fand sich bei der Öffnung des Altars ein Glas mit einigen Reliquien und einem Zettel mit der Aufschrift: Consecratum hoc altare anno Domini MCCCLXXVI dec. Qnto. Die mensis Maji per reverendum Dominum Vicarium Dominum Henricium de Unkel Die et Apostolicae sedis Gra. Apud reverendum Dn. Dn. Herm. Archiepiscop. Colon. Vicarium generalem.

Das heißt: dieser Altar ist am 15. Mai 1476 durch den Hochwürdigen Herrn Heinrich von Unkel, von Gottes und des Apostolischen Stuhls Ganden Generalvikar des Hochwürdigen Herrn Erzbischofs Hermann von Köln, geweiht worden.

Englisch, S. 15, Anmerkung 123, Zitat Dresbach, S. 17:

Kirchenarchiv: Msc. V. 443

1476

Glockenschlag zu Meinerzhagen

Jacob van Sped(inchusen), Rentmeister zu Altena, an den Herzog von Kleve: „….ich was nu to Mynershagen, als dan eyn greve van der Marcke dar die grunthere ind die kloikenslaich syn ist, dar under dan wonnen myt den Merckschen, Colschen ind Berghschen , die dan alle dem kloickenslage gehoirsam syn moiten. So hebn dieselben Colschen der doch nicht vill en is, myt my darumb gekalt, soverre dat die up bekennynge yrem gruntheren eyne erffliche rente vartmer gerne uytgeven willen, myt namen des jars vier gulden geltz, up dat uwe gnade ind uwe gnaden erven dieselven Colschen oick vartmer up eyn alt gewoenlich beschyrm in gnaden wolden hebn ind die  nicht vurder verantworden, dan der uwe gnade mogig ind mechtich syn…“

Datum up gudenstach na allre hillgen dage, anno etc. LXXVI.

Dösseler II, Nr. 12, S. 66

→StA Münster, Kl.-Mark,  151 a, f. 54a

1500

Rechtsprechung des kölnischen Schultheißen zu Meinerzhagen

Erben des sel Henneken Schedermanns zu Meinerzhg., an den Herzog von Kleve: betr.: Streitsache ihres Vaters mit des Kremers Kindern zu Drolshagen. Obwohl die Sache am Hochgericht Lüdenscheid unter dem Hogreven Rotger Hake anhängig war, habe der (kölnische) Schulte zu Meinerzhagen, Joh. Vincke, mit falschen Zeugen einen Gerichtsschein für Kremer gegen Schederman ausgestellt, worauf erstere Partei aus Drolshagen mit 500 Bewaffneten die gewaltsame Pfändung der Meinerzhagener Gegenpartei betriebn hätte.

Datum a.d. XV, up Marien hemmelfart avent

Dösseler II, Nr. 13, S. 66/67

→StAD. , Kleve-Mark XXII, 76a, fasz. V, fol. 8b-9a., vgl. hierzu Süderl. Gesch. Quellen, Bd. I, S. 44f

1500, April 13

Hofesleute zu Meinerzhagen, betr. Nordhellen

Klage der Leute des Hofes Meinerzhagen beim Herzog v. Kleve, daß sie durch die Herren v. Hatzfelt und den Kurfürsten von Köln mittels der Freistühle von Wenden und Meggen ehrlos gelegt würden wegen eines Streites um „eyn ackerholtz“ zu Nordhellen. Hiervon behaupte Joh. Von Northellen, dieser Acker wäre ein Freigut des Herzogs von Kleve, hingegen Anna van Northellen bestreite dies, der Acker wäre ein Hofesgut des Kurfürsten von Köln. Die Streitsache wurde an verschiedenen Gerichtstagen verhandelt, wobei der Anspruch des Joh. Von Nordhellen von dem klevischen Amtmann (zu Altena) Herm. Von Dungelen, die Sache der Anna von dem kölnischen Richter zu Meinerzhagen Joh. Vyncke vertreten wird. Letzterer gibt der Anna einen Gerichtsschein, dem Joh. Von Nordhellen gerichtlich widerspricht. Darauf hätten die von Olpe, Drolshagen und Wenden den Joh. Von Nordhellen und seine Habe nach Drolsahgen geführt. Nachdem Joh. Vyncke ein Notgericht in dieser Sache abgelehnt habe, habe der Amtm. Herm. Von Dungelen im Gericht zu Kierspe vor 2 märkischen Richtern, 3 „kornoten“ und sämtlichen Hofesleuten des Hofes zu Meinerzhg. Den Gerichtsschein der Anna von Northellen für ungültig erklären lassen.

Datum 1500, Eufemie virg.

Dösseler II, Nr. 14, S. 67

→ StA D. , Kl.-Mk. XXII, 76a, fasz. F. 8a-b und Süderl. Gesch-Qu. Bd. I, S. 46

1511, Juni 5

Kölnische Untersassen zu Meinerzhagen

Erzbischof Philipp von Köln an Herzog Wilh. von Jülich, wegen ungewöhnlicher Schatzung der kölnischen Untertanen zu Meinerzhagen durch den märkischen Amtmann, wie ihm vom kölnischen Schultheißen zu Meinerzhagen berichtet werde.

Dösseler II, Nr. 15, S. 67

→StA. Münster, Kl.-Mark 151c, f. 40

1518, Dez. 5

Kölnische Gerichtsbarkeit zu Meinerzhagen

Herman von Haitzfelt, Herr Zu Wildenburg, und Elisabeth von Nesselrode, Witwe des Godert von Hatzfelt (als Droste und Drostin zu Waldenburg) an Erzbischof Herman zu Köln:

Die beiden Kirchspiele Meinerzhagen und Valbert ständen sowohl dem Erzbischof, wie dem Herzog von Kleve „zu verthedingen“ worin jeder Landesherr geschworene Richter, Gerichte und Knechte habe, Brüchten und Gewaltsachen ständen nun zu Meinerzhagen dem Herzog von Kleve zu, und diese Brüchten sollte zu Lüdenscheid am Hochgericht gerichtet werden. Von jeglicher Brüchte zu 5 Soester Mark ständen nun nach alter Gewohnheit dem Erzbischof 13 ½ Schilling zu. Seit etlichen Jahren habe der Droste zu Altena, Adolf Quade die Brüchtenrichtung von Lüdenscheid nach Altena gezogen und damit auch den Erzbischof, bzw. seinen Brüchtenanteil benachteiligt.

Der kölnische Richter zu Meinerzhagen, Hinrich Scheppen habe für den Erzbischof Gebot und Verbot über kölnische Hofesgüter und andere kölnische Güter zu Meinerzhagen. Das Recht zur Brüchtenerhebung werde aber dem Hinrich Scheppen durch den Drosten zu Altena verweigert.

Auch betr. Beschwerden zu Valbert gemäß beiliegender Kopie.

Datum 1518, uff sondagh naich Barbare.

Dösseler II, Nr. 16, S. 68

→StAD., Kl.-Mark, XXII, 87 und ebendort die Antwort des Drosten zu Altena Aloff Quaide vom 13. Und 30. Dez. 1518 in dieser Angelegenheit.

1519, Jan. 25

Schreiben des Drosten zu Altena, Aleff Quade, an Jungherzog Johann., ältester Sohn zu Kleve vom 25. Januar 1819:

Alle Brüchten zu Meinerzhagen ständen dem Herzog von Kleve zu, man möge dem Erzbischof schreiben, der kölnische Schultheiß zu Meinerzhagen, Henrick Schuppen, könne seine Brüchten am Hochgericht zu Lüdenscheid anbringen, was ihm auch nie verweigert sei. – Ebd. Abschrift eines Schreibens des Drosten A. Quaede an den Erzbischof von Köln in der gleichen Sache vom gl. Datum. Betr. die Beschwerden wegen Valbert, vgl. ob. S. 20 (1518, Nov. 28).

Dösseler II, Nr. 16, S. 68, Anmerkung

1533, Juni 19

Gerichtliche Erkundigung über die kölnische Gerichtshoheit zu Meinerzhagen

Henchen von Wecherkusen, Richter zu Drolshagen von Seiten des Erzbischofs Herman von Köln und seines Amtmanns zu Waldenburg, Heinrich Hoeberch, bekundet, daß vor seinem Gericht zu Drolshagen auf dem Markte erschienen: Peter Neyckell, Alt-Richter zu Attendorn, mit einem Vorsprecher,  Herm. Schreve, ferner für den gen. Amtmann Joh. Kluntzinck, Richter zu Olpe, Henrich Scheppen, „schultze“ zu Meinerzhagen, Godert Schreve, Richter zu Drolshagen, Peter Wylden, Peter Hesse, Joh. Hont, Peter uff der Heckenspincke, Herm Schroder, Peter honichmeyger und Andreas zu Meinerzhagen, um durch ihren Vorsprecher Hans Nupen über die kurkölnische Hoheitsverhältnisse zu Meinerzhagen auszusagen:

Im Jahre 1509 hätten Godert von Haitzfelt zu Wildenburg, Amtmann zu Waldenburg und Aleff Quaide, Amtmann zu Altena, zu Meinerzhagen durch folgende kölnische, klevische und bergische Leute Herm. Bytter, Tylman uff dem Cleve, Hinrich von Antelberge, Peter tzo Immyke, Peter Burhusen, Claes tzo dem Kotten, Hensken in der Smytten, Teilman Kayltisseren, Hinrich uff der Hoe, Joh. Von Genckell, Henssen Tymmermann und Herman Zegewey, sämtlich „ailthe bedagete grysshovede mans“ über die Hoheitsverhältnisse der Fürsten von Köln und Kleve im Dorf Meinerzhagen aussagen lassen:

1)     Der Kurfürst von Köln habe zu Meinerzhagen zwei Gerichte, ein Hofes- und ein Wibbelgericht, „als dat bynnen leken und phelen liegen ist, dar itzo kommeren und entkumeren“ ohne den märkischen Fronen. Der Grund und Boden zu Meinerzhagen stände dem Kurfürsten zu Köln zu. Wenn der kölnische Schultheiß richten wolle, so solle er durch den märkischen Fronen der Herren Glocke zweimal läuten lassen und dem märkischen Fronen einen Stuhl bei das Gericht setzen, worauf derselbe sitzend die Brüchte annehmen soll. Wenn 5 M. Brüchten zu Meinerzhagen, bzw. auf den Hofesgütern anfielen, „dat were bloedich ade blae ader anders gewelde“, diese 5 M. fielen dem Herzog zu Kleve zu, ferner dem Kurfürsten von Köln 13 Schillinge und dem Schultheißen 4 Schillinge.

Dösseler II, Nr. 17, S. 68-70

12. Jh.

Ortsnamenforschung hagen

Grundwort iast as [altsächsisch] hagan, mnd. [mittelniederdeutsch] hagen 'Dornbusch, Strauch, Hecke, Busch, Niederwald' Selbständig bildet es die Grundworte der Ortsnamen Hagen in Westfalen, 1m 12. Jahrhundert de Hagene und Haan im Rheinland zwischen Hilden und Wuppertal, zu Anfang des 14. Jahrhunderts Hagene capella. H. Bahlow behauptet anläßlich des in Süddeutschland mehrfach begegnenden Bach- und Ortsnamens Hagenbach, dieser habe mit hag, hagen 'Hecke, Gebüsch' nichts zu tun. So erfindet er einen Stamm hag [angeblich] 'Sumpf, Moor'. Das Bestimmungswort ist wegen des anlautenden –smit einiger Gewißheit ein as. Mannsname auf [Meinhard, Meginhard, Medard?].

Derks, Lüdenscheid, S. 110/111

 

Ortsnamenforschung

Nach den Ermittlungen der Ortsnamenforschung kann der Ort Meinerzhagen kaum vor der 2. Hälfte desd 10. Jahrhunderts entstanden sein. Darum kann auch der Schultenhof nicht gut vor diesem Zeitpunkt seinen Anfang genommen haben, man kann im Gegenteil annehmen, daß er später entstanden ist. Der Anlage eines bischöflichen Lehnhofes folgte dann auch bald die Erbauung einer Kirche. Im günstigsten Falle könnte also eine ältere Kirche nur in der Zeit von 1.000 bis ungefähr 1220 bestanden haben. Spuren eines älteren Kirchenbaues sind bisher nicht festgestellt worden.

Wenn man von älteren Kirchenbauten spricht, von denen alle Spuren verschwunden sind, so wird oft behauptet, daß es sich um Holzkirchen gehandelt habe. Nun ist für Wohn- und Nutzbauten bis in die neuere Zeit zwar mit Vorliebe Holz als Baustoff verwendet worden. Aber schon mit der Einführung des Christentums griff immer mehr die Vorstellung von der höheren Vornehmheit des Steinbaus um sich. Natürlich wird man in Gegenden, in denen es an dem gehörigen Steinmaterial fehlte, länger Holz zum Kirchenbau benutzt haben. Aber daran mangelte es ja in der hiesigen Gegend nicht. Es ist darum leicht möglich, daß es sich auch bei einer zu vermutenden älteren Kirche auch um einen Steinbau gehandelt hat.

Michel, S. 185/186/187

 

Jesus-Christus-Kirche: Baugeschichte

Verbindungen zu Balve und Affeln werden auch noch bei der Portalgestaltung in Meinerzhagen deutlich.

Hans Heinrich Diedrich: Die Kunstgeschichte des Kreises Lüdenscheid, in: Heimatchronik des Kreises Lüdenscheid, S. 147

Ca. 1220

eine ausgeprägte dreischiffige Pfeilerbasilika der spätromanischen Zeit um 1220 finden wir in Meinerzhagen. Hier herrschen wie in Plettenberg rheinisch-kölnische Bauelemente vor. Von dieser Kirche um 1220 blieb nur das Langhaus erhalten. Das gewölbte Querhaus und der Chor sind spätgotisch. Das Außergewöhnliche und Einmalige für Westfalen ist das Langhaus mit Emporengalerie und der Rest einer Westempore. Grabungen ergaben 1936, daß unter dem gotischen Querhaus die Grundmauern einer romanischen Hauptapsis und von Nebenapsiden in den Seitenschiffen verborgen sind.

Die enge Beziehung zu Köln im Mittelalter ist offensichtlich. Schon im Äußeren verrät der Bau seine rheinische Abkunft in den auffallenden, kleebattförmigen Obergadenfenstern, die durch weite Blendbögen gerahmt sind. Die bis zu diesen Fenstern hinaufreichenden Seitenschiffe erhalten ihr Licht durch Rundbogenfenster (Oculi). Die Außenwände sind mit einem Rundbogenfries dekoriert, der auf Lisenen aufsitzt. Diese treten jedoch erst im oberen Drittel aus der Wand hervor.

Fremd und daher im westfälischen Raum ohne Nachfolge ist die über den Seitenschiffen liegende Emporengallerie, die sich unter einem breitwulstigen Kleeblatt-Blendbogen in Doppelarkaden zum Mittelschiff öffnet.

Über die Bedeutung der Westempore lassen sich keine festen Schlüsse ziehen, da der Turm aus neuerer Zeit stammt.

Diedrich, S. 150/151

Ca. 1220

Der Pfarrort Meinerzhagen wird schon 1174 urkundlich im Zusammenhang mit der Einziehung des Zehnten für das St. Severinsstift in Köln erwähnt. Die beherrschend über der Stadt Meinerzhagen gelegene heutige Evangelische Jesus-Christus-Kirche aus dem 1. Viertel des 13. Jh. nimmt unter den etwa gleichaltrigen Kirchen des Märkischen Kreises eine besondere Stellung ein. Sie gehörte nach dem Liber valoris um 1308 zum Dekanat Attendorn. Die übrigen ungefähr gleichzeitigen Kirchen des 13. Jh. im Märkischen Kreis, mit Ausnahme der gewölbten Saalkirche mit Querschiff und Apsis von Iserlohn-Hennen (spätes 12. Jh.) sind Hallenkirchen des märkischen, des Sauerländer und des Siegerländer Typs. Die Kirche von Meinerzhagen dagegen ist eine Emporenbasilika rheinischer Art. Hier ist auf die Kirchen St. Ursula, aber auch auf St. Maria-Lyskirchen in Köln siwie auf die Reformationskirche, ehemals St. Jakobus d. Ältere -, in Hilden zu verweisen. Es gibt im Märkischen Kreis etliche rheinische bzw. kölnische Kunsteinflüsse auch in der Architektur, wie z.B. in Plettenberg, aber nirgendwo ist dies so deutlich sichtbar wie an der Jesus-Christus-Kirche von Meinerzhagen. Diese Kirche steht bei uns in ihrem Typus für sich allein. Sie hat keine Nachahmung im näheren oder weiterren westfälischen Raum erfahren.

Vor 1587, als die Gemeinde der alten Kirche „Unser Lieben Frauen“ zu Meinerzhagen lutherisch wurde, war diese Kirche beliebtes Wallfahrtsziel. Auch aus Köln wallfahrtete man bezeichnenderweise hierhin. Das ehemalige Gemeindewappren und Stadtsiegel von Meinerzhagen zierte ein Marienbild mit Jesuskind. Das romanische Langhaus (um 1220), das die ursprüngliche Kirche in Meinerzhagen ausmacht, zeigt eine abwechslungsreiche Außengliederung. Die Emporengeschosse der Langhausseitenschiffe sind auch außen durch Lisenen, Rundbogenfriese und Okuli gekennzeichnet. Die Dreipaßfenster des Obergadens sind in rundbogige, gewulstete Wandblenden eingefügt. Die Rund- und Spitzbogenfenster der Seitenschiffe sind bei der Restaurierung von 1967/68 wiederhergestellt worden. An der Nordseite befindet sich ein gutes, spitzbogiges Seitenportal mit Blattkapitellen. Das Tympanon mit dem Lamm Gottes und dem „Paradiespflanzen“-Ornament (Vgl. 6.21 [Iserlohn-Hennen]) ist neu, aber seine Thematikm ist uns in anderer Form auch vertraut vom schönen romanischen Portal der Emporenbasilika St. Maria-Lyskirchen in Köln, wo ihr eine Inschrift sogar apotropäischen Sinn verleiht. Das Portal an der Südseite hat ein glattes spitzbogiges Tympanon in gerader geschlossener Wandblende.

Im Inneren zeigt sich ein zum Außenbau harmonisch korrespondierender Wandaufriß des Langhauses, der originell und lebendig gestaltet ist. Von niedrigen Pfeilerarkaden wird das hohe Mittelschiff gegen die Seitenschiffe abgegrenzt. Im nordwestlichen Arkadenbogen wurden bei der jüngsten Restaurierung romanische Architekturmalerien freigelegt. In der Zone über den Arkaden rahmen gewustete Kleeblattbögen, die durch Doppelsäulchen geteilten Rundbogenöffnungen der Emporen. Von den Doppelsäulchen ist nur noch ein Paar ursprünglich. Die Kapitelle sind ergänzt. Die Wülste, die die oberen Wandblenden umziehen, sind aus einem tonartigen Material geformt. Die westlichen Emporenöffnungen wurden bei der letzten Restaurierung 1967/68 ganz erneuert. Die Orgel wurde entfernt und schmale Zugänge zur neuen Turmempore beidseitig neben der Turmwand freigelegt. Hier endeten einst Treppenanlagen aus der Zeit um 1600, die jetzt als störende Bauteile beseitigt sind. Jeweils über den erwähnten Kleeblattbögen befinden sich im Obergaden Dreipaßfenster. In den Seitenschiffen hat die Kirche Kreuzgratgewölbe, die jochweise durch rechteckige Gurtbögen gegliedert sind. Die Gurtbögen sind zum Spitzbogen leicht verformt und ruhen auf rechtwinkligen Wand- und Pfeilervorlagen. Auch das jetzt und ursprünglich flach gedeckte Mittelschiff war etwa seit 1474, allerdings spätgotisch, eingewölbt. Die Gewölbevorlagen wurden 1846 entfernt. Das spätgotische Querschiff und der kurze 3/8-Chorschluß wurden 1474 aufgrund einer Stiftung von drei Kölner (!) Junggesellen erbaut. Die oben erwähnte Mittelschiffeinwölbung muß in diesem Zusammenhang gesehen werden. Das Chorjoch wird an einem spitzen Dachreiter mit zwiebelförmiger Verdickung gebildet. Der ehemalige romanische Ostabschluß des Langhauses ist inzwischen archäologisch ergraben. Die halbkreisförmigen Fundamente der romanischen Seitenapsiden fand man genau in der Fortsetzung der Seitenschiffe liegend. Sie haben dieselbe Breite wie diese. Die Stiftung der Kölner Junggesellen ist als Wallfahrtsstiftung, wohl gemäß einem Gelübde, zu verstehen. Die Datierung 1474 des gotischen Teils steht oben am nordöstlichen Strebepfeiler des Chorabschlusses über einer Nische. Die Kreuzrippengewölbe in den Querschiffarmen sind ursprünglich. In der Vierung und im Chor sind sie 1901/02 erneuert. An der Ostwand des nördlichen Querschiffes wurde bei der letzten Restaurierung der ursprüngliche Sakristeizugang wiedererkannt und geöffnet, wobei gleichzeitig der bisherige geschlossen wurde. Im Nordflügel des Querhauses fand die neue Orgel ihren Platz.

Der Westturm mit hoher Welscher Haube ist in angepaßter Bauform, wie sie in klassizistisch rundbogiger Art (vgl. Objekt Nr. 7.2) nachempfunden werden konnte, 1816-1817 neugebaut worden, unter Einbeziehung der romanischen Grundmauern, nachdem der romanische Vorgängerturm bei dem Stadtbrand von 1797 zusammengestürzt und das gotische Langhausgewölbe niedergebrochen war.

In die Erbauungszeit der Kirche gehört der achtseitige Taufstein, dessen Säulenstützen allerdings erneuert sind. Er ist den Taufsteinen rheinischen Typs zuzuordnen, wie er sich ähnlich in der alten Kirche von Kierspe befindet. Die Chorfensterbilder entwarf 1929 L. Preckel (vgl. 10.16) als Stiftung der Firma Otto Fuchs mit der Darstellung der Taufe, der Auferstehung Christi und des Abendmahles. Hier werden der christliche Osterglaube und die evangelischen Sakramente farbstark signifikant. Prof. Gorsemann, Bremen, schuf 1949 den Kruzifixus, jetzt an der Ostwand des südlichen Querhauses. Im Chorraum sehen wir ein Bronzekreuz mit Christogramm von Waldemar Wien aus Kierspe (1968). Der spätgotische Hochaltar, ein Schnitzaltar aus dem jahre 1476, bei dem die Figuren des Hl. Medardus, der Hl. Katharina und der Lucia sowie die Predella mit Christus- und Apostelfiguren ursprünglich sind, wurde i.J. 1853 (nach anderen Quellen erst 1861) von der Kath. Kirche St. Matthias in Krefeld-Hohenbudberg erworben.

Bei der Tieferlegung des Chores fand man u.a. das Grab des Ulrich Freiherr von Guldenlöwe, eines natürlichen Sohnes Christians IV. von Dänemark, der hier in einem Gefecht 1640 gegen die Holländer den Tod fand. Im Inneren, am südlichen Turmaufgang, befindet sich noch ein großes Doppelepitaph für Engelbert (gest. 1682) und Anna Margaretha von Neuhoff gen. Ley (gest. 1700). Auf der Südempore sind die bei der letzten Renovierung im Abrißschutt der alten Orgelempore entdeckten Architekturbruchstücke, z.B. Kapitelle u.a. von einem nicht mehr vorhandenen Bauteil der Kirche aus der Zeit um 1220 ausgestellt. Die Bemalung einiger dieser Steine ist beachtenswert im kunsthistorischen Sinne, zumal uns in Deutschland nur wenige solche Reste erhalten  sind.

Schon in den dreißiger Jahren fand man an den westlichen Vierungspfeilern Bruchstücke romanischer Malerei, den Teil einer Kreuzigungsgruppe und ein ornamentiertes Band am Gurtbogen des rechten Seitenschiffes. Die Kirche von Meinerzhagen ist auch in ihrem romanischen Teil ähnlich den rheinischen Kirchen viel plastischer an den Wänden außen und im Inneren gegliedert als die gleichzeitigen westfälischen Hallenkirchen im Märkischen Kreis. Trotz aller Wechselfälle ihrer Geschichte vermittelt sie heute noch einen originalgetreuen Eindruck.

Elmar Hartmann, Kunst- und Geschichtsdenkmäler im Märkischen Kreis, S. 462-468

 

Die Jesus-Christus-Kirche – vormals „Unser liewen Vrouwen Kercke“ zu Meinerzhagen

Versuch einer kultur- und kunsthistorischen Einordnung.

Vortrag mit Bildbeispielen.

Meine Herren und Damen, ich begrüße sie hier in Meinerzhagen, aus dessen Gründungszeit wir kein schriftliches Zeugnis besitzen. Seine Anfänge liegen im Urdickicht des kühlen, feuchten, bergigen, mit lükenloser Bewaldung bewucherten Dunkel des Süderlandes.

Aber so ganz hilflos sind wir doch nicht, denn es ist ja nicht nur das geschriebene Wort, das uns Informationen übermittelt. Da gibt es die mündliche Überlieferung, die zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich fixiert wird, und die Legende, beide sind allerdings mit großen Reibungsverlusten verbunden. Relativ sichere Zuordnungen ermöglichen als »stumme Zeugen« nur die Archäologie und die Namensforschung. Die Archäologie bescheinigt unseren Vorfahren, das Gebiet des Süderlandes gemieden zu haben – keine Grabhügel, keine Wallburgen, fast keine Fundstücke aus vorgeschichtlicher Zeit. Die Ortsnamenforschung unterstützt diese These. Seßhaftigkeit vor der Völkerwanderung (6. Jt.) und verstärkt zu der Zeit, da wohl die ersten Sachsen vor dem heiligen Schwert der Missionstätigkeit Karls d. Großen in das Walddickicht flüchteten (8. Jt.), scheint es nicht in nennenswertem Maß gegeben zu haben. Die ältesten Namen sind dünn gesät (Volme, Kierspe); die Völkerwanderung bringt zahlreiche Namen mit. (Immecke, Grotmicke, Grünenbecke) die Sachsen besiedeln Orte wie Listringhausen, die Franken und ihre staufischen Nachkommen vom Rhein, mit den großangelegten gezielten Rodungstätigkeiten zur Ackerlandgewinnung für die Ernährung einer um die Jahrtausende sich stark vergrößernder Population, bringen Namen mit den Endungen „-rode“ oder „-rade“ (Radevormwald), „-scheid“ (Lüdenscheid) oder „-hagen“. Also können wir davon ausgehen, daß es den Siedlungsnamen „Meinerzhagen“ frühestens zu Anfang des 11. Jahrhunderts, also nach der Jahrtausendwende gibt. Die Lage des Ortes war wirklich geschickt und überlegt gewählt – wenn wir die Lageskizze betrachten, wird das klar: Oberhalb der südlichen terrassenförmigen Neige zur Rheinischen Tiefebene, am Knotenpunkt – dem Rotenstein – der verschiedenen Höhenzüge des Ebbegebriges, die großräumig gesehen die Wasserscheide zwischen Wupper und Ruhr bilden, liegt die neue Ansiedlung. Aufgrund der Naturgegebenheiten liegt sie auch im Schnitt der Fernstraßen, die entlang der Flußläufe und über die Kämme der Höhenzüge die Bistümer und Pfalzen, die Handelsniederlassungen im Reich, verbinden.

Der Name sagt uns auch, wer da ausgezogen ist, um ein Waldstück auf der Anhöhe zu umfrieden und zu kultivieren, also »einzuhegen« und wirtschaftlich gezielt zu nutzen: das war einer, der hieß Meinert, Meginhard, Mainhard – vielfältige Schreibweisen gab es bis ins 19. Jahrhundert, eben nach Gehör. Es ist in einer Quelle wohl auch von »Meydardeshagen« die Rede, das würde einen Bezug zum Bischof Medardus von Soissons herstellen, der im 6. Jt. Lebte. Obwohl Medardus in den Chroniken an keiner Stelle sonst bestätigt ist, kann ein Patrozinium nicht völlig ausgeschlossen werden. Die Lüdenscheider Kirche ist Medardus geweiht, und die Abtei Brauweiler, auch zu Köln gehörig, verehrte Medardus und weist in den Bauformen ihrer Kirche auch stilistische Ähnlichkeiten mit Meinerzhagen auf. Zudem gab es hier einen 1476 geweihten Altar, der heute in Hohenbudberg steht und in seinem Schrein auch eine Bischofsfigur trägt, die in Beschreibungen manchmal als Medardus erkannt wird – ich halte ihn allerdings nach den Meinerzhagener Archiv-Aufzeichnungen für Nikolaus, mit dem Geldstück als Attribut der Mildtätigkeit.

Meinhart, das bedeutet der Großherzige – was war das für einer? Ein kraftvoller, mutiger Kerl, der für sich und seine Sippe neue Lebensgrundlagen suchte? Der tatkräftige Verwalter des vermutlich erzbischöflichen Besitzes? Ein Mönch, der sich vielleicht Medardus nannte und der vom Erzbischof zur Missionierung ausgesendet war? Oder doch der Eremit mit seinem wundertätigen Marienbild, von dem die Legende so schön berichtet, und die zuerst in  der Chronik des Meinerzhagener Pfarrers Joh. Ad. Sohn 1740 schriftlich folgendermaßen fixiert wurde:

„Vor Zeiten, da hieherum noch meistentheils Gebirge und Busch gewesen, so man einen Hagen zu nennen pfleget, ein gewisser Eremite, namens Meinhart, allhie eine Capelle gehabt und darin als Einsiedler gewohnt;….Um welche Zeit der Ort, die Kirche und die Gemeinde entstanden ist, können, wann es geschehen, die älteste Nachricht so ich in der Kirche gefunden ist von 1326 (= heute verschollen, Anm.). Muß also schon vorher geschehen seyn.“

Wir wissen es heute auch nicht viel besser. Zu vermuten ist, daß der Ort von Anfang an von herausragender Bedeutung ist: warum sollten sonst die älteren Ansiedlungen in den Quellmulden und an den Flußläufen (Scherl, Volme, Genkel, Immecke, Grotmicke, Listringhausen), die etwa kreisförmig um die neue Ansiedlung Meinerzhagen angeordnet sind, den Namen der jüngsten Gründung für das Kirchspiel übernommen haben? Und es ist das wundertätige Marienbild bezeugt, dem die Kirche den Namen "Liebfrauenkirche" verdankt. So könnte das Marienbild – das sicher eine Skulptur war – ausgesehen haben. (Dia 2, Madonna aus Laase). Und es steht fest, daß die neue Gründung bald florierte: Schon 1067 konnte der Erzbischof Anno II., der Lehnsherr, dem neu gegründete Kloster St. Georg in Köln als Starthilfe einen Teil des Zehnten aus Meinerzhagen überlassen. Das ist auch der Augenblick, an dem die Gründung aus dem vorgeschichtlichen Dunkel an das Licht  der historischen Präsenz gelangt: der Erzbischof legt diese Schenkung schriftlich fest.

Leider aht die Sache einen Haken: diese Urkunde gehört zu den sogenannten »echten Fälschungen«. Das heißt, die Aussage stimmt, das Datum ist falsch. Zusagen, die besonders mit Schenkungen und Überlassungen von Einkünften verbunden waren, gab es oft erst mündlich, per Handschlag etwa, und wurden nicht angefochten, solange die Parteien die gleichen blieben. Wnn die Generationen wechselten, wurde schon mal nach der Urkunde gefragt und die wurde dann nachgeliefert, mit der angenommenen ungefähren, manchmal auch für den Besitzer günstigen Datierung. In der Meinerzhagener Urkunde geht das ziemlich ehrlich zu, denn erwiesenermaßen konnte das Georgskloster nicht viel früher mit den Einkünften belehnt werden, da es 1059 gestiftet und 1067 geweiht wird. Da hat es ganz andere Fälel von Geschichtsklitterung im Rennen um Stadtrechte und Vormachtstellungen in der damaligen Zeit gegeben!

Natürlich hat die Ansiedlung zu der Zeit bestanden, muß um die Mitte des 11. Jts. Also schon ein Ort gewesen sein, dessen Einkünfte lohnend waren. Von der ersten Kirche sind auch bei der letzten Grabung  1968 keine Reste gefunden worden, jedoch kann man zumindest den heutigen Standort als den ursprünglich gewählten Platz, auf einer Anhöhe über der Kreuzung der Durchgangsstraßen, annehmen. Man kann auch immer so schön spekulieren über den Urbau aus Holz, aber nach 1.000 sind nirgendwo in dauerhaft christianisierten Gegenden Holzkirchen gebaut worden, schon gar nicht als Anbetungsort für ein wundertätiges Marienbild. Bleibt die Frage des Standortes. Oftmals sind die ersten christlichen Kirchen an der Stelle heidnischer Kultstätten errichtet worden, um den Zwangs-Bekehrten die Anbetung des neuen Gottes zu erleichtern oder die bösen Geister des Heiligtums mit Gottes Präsenz loszuwerden. Meinerzhagen hat einen Ort, der »Im Tempel« heißt, und auch ein »Mönchspfädchen«, die der Überlieferung nach in den Prozessionsweg bei Verehrung des Marienbildes mit einbezogen waren: Spekulation! Niemand hat dort bisher gegraben. Möglich wäre auch die Nutzung der alten Grundmauern für den Aufbau des neuen Hauses. Ich warne Sie: schon wieder eine Spekulation – auf die ich später noch einmal zurückkommen möchte.

Zunächst aber zurück zur Realität: die erste echte Existenzbestätigung als Siedlung und Kirchengemeinde bezieht sich auf eine unanfechtbare Urkunde aus dem jahr 1174, in der dem Grafen von Berg die Erlaubnis erteilt wird, den Zehnten vom Gummersbach und Meinerzhagen für das Severinskloster in Köln einzutreiben (Sicher ist bei dieser Tätigkeit für den Raubritter Engelbert von Schloß Burg an der Wupper auch eine Kleinigkeit abgefallen!). Wir befinden uns jetzt also am Beginn des 13. Jts. Meinerzhagen liegt am Schnittpunkt wichtiger Brückenwege zu Fernhandels- und Heerstraßen, Eisenhandel, Holzhandel florieren in lebhaften wirtschaftlichen Beziehungen, vor allem zum Rheinland. Aber auch Dienstleistungen sind an Knotenpunkten von Bedeutung. Als Kirchspielort, der dem Dekanat in Attendorn als Tochterkirche zugehört und dem Kölner Severinsstift lehnpflichtig ist, wird der Ort berühmt durch sein wundertätiges Marienbild: Kirchensiegel und Stadtwappen haben dieses Bild lange getragen, um die Bedeutung dieser Tatsache heruaszustellen. Prozessionen von weit her bedeuten frühe Formen des Fremdenverkehrs und implizieren nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt der Serviceleistungen, sondern vor allem die Notwendigkeit eines repräsentativen, würdigen Kirchenbaus.

Wann die Meinerzhagener den Neubau begonnen haben, ist wieder nicht überliefert. Vergleichende Zuordnungen nennen übereinstimmend das beginnende 13. Jahrhundert.

Die rege Verbindung Meinerzhagens zur erzbischöflichen Metropole am Rhein läßt sich an diesem Kirchenbau ablesen. Hier im Grenzort nach Westfalen paaren sich die Baugedanken der Kölner Schule jener spätromanischen Zeit, die auch »Ünergangsstil« genannt wird (starke Aufgliederung der romanischen Wandflächen, interessante Einzel- und Schmuckformen, »Ausreizen« der romanischen Möglichkeiten bis zum Manierismus) – mit der westfälischen Eigenart im Kirchenbau, wie wir sie vielerorts in vergleichbaren Formen (Lieberhausen, Müllenbach, Ründeroth) kennen: fast quadratische Grundform des Langhauses, schmale Seitenschiffe, knappes Querschiff, massive, horizontal liegende Baumassen. Solidität, Erdgebundenheit und Festigkeit der westfälischen Mentalität sollen sich, nach Meinung verschiedener Historiker, in der Bautätigkeit niederschlagen. Diese Eigenschaften mögen bewirkt haben, daß das Meinerzhagener Bauwerk trotz seines Abstechers in die rheinische Spätzeit und der späteren Veränderungen harmonisch, kostbar und doch schlicht wirkt. Mit Ausnahme einer gewissen Ähnlihkedit zu Morsbach gibt es im westfälischen Raum kein vergleichbares Bauwerk.

Die Kirche präsentiert sich uns heute wie einst an hervorragender Stelle im Mittelpunkt der Siedlung, nicht ganz streng nach Osten gerichtet, als dreischiffige Pfeilerbasilika mit Emporengeschossen und flach dedeckten Mittelschiff. Den Kirchhof umschließt eine Mauer, die schließlich durch eine Häuserreihe überfangen wurde. Schutz- und Freiheitsfunktionen des Kirchhofes waren in den unsicheren Zeiten der vergangenen Jahrhunderte von großer Wichtigkeit; in den Annalen wird häufig darauf Bezug genommen. Und auch heute ist ja das Kirchenasyl vielerorts wieder zu trauriger Aktualität gelangt.

In ihrer heutigen Form erzählt die Kirche uns von mindestens 3 verschiednen größeren Bauabschnitten.

Das Langhaus ist der älteste erhaltene Bauteil aus dem 13. Jt., das schließt man aufgrund der vergleichenden Bauforschung; Querhaus und Apsis wurden 1474 geweiht: das zeigt ein gotischer Weihestein am nord-östlichen Strebepfeiler der Apsis; und der Turm mit seinen seitlichen Untergeschossen stammt aus dem Jahre 1816, das geht aus den Konsistorialbauakten im Arhchiv und einer Sandsteinplatte über dem Portal hervor.

Das Bauwerk ist aus heimischem Bruchstein und hell verputzt, Architektur- und Schmuckteile wurden dabei farbig hervorgehoben. Das Langhaus als ältester Bauteil aus romanischer Zeit ist vielfältig gegliedert. Zunächst erkennt man die basilikale Anlage, denn das Mittelschiff ist höher als die beiden Seitenschiffe. Die Außenwände sind interessant und reich gegliedert. Im Untergeschoß gibt es schlichte Rundbogenfenster, deren östliche doppelt breit sind, die Seitenportale liegen sich gegenüber., wobei das südliche in der Fensterflucht liegt, über dem geraden Sturz ein Spitzbogen mit Wulst den Wandschub trägt und als einzigen Schmuck einen viereckigen Überfang hat. Das nördliche Portal ist mitzweifacher Abtreppung und eingestellten Tuffsteinsäulen auf attischen Basen und Blattkapitellen, mit doppelwulstigem Architrav reich geschmückt. Das Tympanon ist bei einer Renovierung um die Jahrhundertwende mit einer Lammdarstellung und Rankenwerk auf Goldgrunde verziert worden, der inzwischen wieder entfernt wurde. (Dia: Madonna aus Quedlinburg). So etwa könnte das Tympanon ausgestattet gewesen sein, denn bei diesem Portal handelt es sich mit großer Sicherheit um das bedeutende Prozessionsportal, das unter dem Schutz der Madonna stand. Auch das Bogengewände ist abgetreppt und mit Rundwulsten verziert, der abschließende, aus der Wandflucht hervortretende Tuffsteinwulst ist mit stark verwittertem Ornament- oder Blattwerk geschmückt und weist über die Geschoßhöhe hinaus, in das Obergeschoß hinein, das durch einen lisenenbreiten Sims gekennzeichnet und unter der Traufe mit Rundbogenfries geschmückt ist. Lisenen gliedern das Geschoß in vier Felder. Unter den mittleren, leicht vergrößerten Blendbögen lassen Rosetten Licht ein. Der Obergaden, also die Wandfläche des Mittelschiffs, ist ebenfalls vierfach gegliedert, durch kleeblattförmige Fenster in rundbogigen Blenden mit eingelegten Wulsten. Hier am Baukörper des romanischen Langhauses läßt sich der Innenraum schon ablesen. Dehio sagt ja von der Romanik, sie sei eine Bauform, bei der man »ohne Blutvergießen« die einzelnen Bauteile voneinander lösen oder neue hinzufügen könne. Wir lesen an diesem Außenbau deutlich die Doppelgeschossigkeit der Seitenschiffe ab, Rhythmik und Anordnung der Gliederung lassen auf eine Wölbung schließen, die tatsächlich nicht vorhanden war. Diese Frage wird uns später noch beschäftigen, ebenso die merkwürdige Verschiebung der senkrechten Achsen durch die Rundbogenfenster des Untergeschosses. (Dia nördl. Querschiff) In die Fluchtlinie der Seitenschiffe fügt sich das gotische Querhaus glatt und schmucklos nach Osten ein. Dieser Eindruck wird an der Nordseite durch den kompakten Strebepfeiler gestört, der statische Stützfunktionen ausübt. (Dia Apsis) Ohne Chor schließt sich unmittelbar und in gleicher Dachhöhe die 3/8-geschlossene Apsis an. Die Strebepfeiler gleichen dem der Nordwand, auch ist eine polygonale Sakristei zwischen Nordquerhaus und Apsis zu einem späteren Zeitpunkt eingefügt. Hohe spitzbogige Fensteröffnungen mit einfachem gotischem Maßwerk (Vierpaß und Mittelstütze), schmücken Querhaus und Apsis und fassen dieses zu einer Einheit innerhalb des Bauganzen zusammen.

(Dia Südseite mit Turm). Der Turm ist im Westen zentral vorgelagert. Aus den Chroniken geht hervor, daß ein Turm bestanden hat. So kann man annehmen, daß dieser 1816 auf den alten Fundamenten aufgebaut ist.Die seitlichen Treppenaufbauten sind aber damals neu entstanden. Der quadratische Turm wird von den Seitenschiffen knapp umfangen, ist dreigeschossig, jedes Geschoß durch Gesims gegliedert, Lisenen verstärken die Kanten, große Rundbogenfenster und Schallöffnungen nähern sich dem romanischen Gedanken ebenso wie das Eingnagsportal. Bekrönt wird das Ganze mit einem schönen Glockenhelm. Das Mittelschiff trägt ein Satteldach, die Seitenschiffe Pultdächer. Etwas niedriger in der Firstlinie ist das Querschiff mit einem Walmdach, die gleichhohe Apsis mit Teilpyramide gedeckt. Der Dachreiter mit schlanker Zwiebelhaube markiert genau die Vierung. Als Bedachungsmaterial ist das ortsübliche Schiefer verwendet worden, dessen lebendiges Dunkelgrau einen interessanten Farbkontrast zum leuchtend farbigen Verputz bietet.

Bei der Betrachtung des Bauwerks muß man zugeben, daß trotz der verschiednen Bauformen und Stilepochen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben, ein geschlossener, einheitlicher Gesamteindruck vorherrscht, der die Heiterkeit der rheinishen Baugedanken –rhythmische Gliederung und Formenvielfalt der Fläche in der Romanik, Vertikaler Aufbruch in der Gotik – mit dem westfälischen Erbe zurückhaltender Solidität – dicke Mauern, kräftige Stützen, horizontal gedrungen gelagerte Masse – in Einklang bringen wußte.

Wenden wir uns jetzt dem Innenraum zu:

(Dia von Westen) Wir betreten den Innenraum von Westen durch die Turmhalle. Auf der Folie hasben sie einen kleinen Eindruck, wie dem Besucher von ca. 1900 sich der Raum geöffnet hat – bunt bemalt, mit Emporeneinbauten in den Querschiffen und dem großen dunklen Lettner, der die Apsis völlig abschloß. Allerdings prangt in der Zentralachse in voller Schönheit der einige Jahre zuvor wiedergefundene und restaurierte Taufstein aus Kalksandstein. Heute sind die störenden Einbauten des 19. Jts. Entfernt und seit der letzten Restaurierung 1968 können wir die klare architektonische Gliederung sofort erkennen. Da ist der Rhythmus der Mittelschiffswand, die schmucklos glatt und nur durch Öffnungen gegliedert ist: im Erdgeschoß durch rundbogige Arkaden, die aus kompakten Stützpfeilern wachsen, dann folgt die bewegte Mittelzone der Empore, deren rundbogige gekuppelte Fensteröffnungen durch ein korinthisches Doppelsäulchen gestützt und mit einem Dreißaß-Blendbogen mit eingelegtem Rundwulst überfangen werden, und in der Obergadenzone spenden große dreiblättrige Kleeblatt fenster Licht. Die waagerechte und senkrechte Gliederung bei gleichzeitig sich nach oben verjüngenden Elementen scheinen, trotz der ungewöhnlichen Mauerdicke, nach oben auch an Beschwingtheit und Helligkeit zuzunehmen, der Raum scheint sich zu öffnen. Elmar Hartmann hat in seinem Aufsatz in diesem Zusammenhang von »scholastischem Gradualismus« gesprochen, diesem Ausdruck mittelalterlichen Lebensgefühls, der die Dreizonigkeit des Lebens beschreibt: das Lastende des irdischen Lebens, das Nachdenken über dieses Leben und das Streben nach dem verheißenden Leben in Gott, wie der große Mystiker Thomas von Aquin es einst lehrte. Dieser Baugedanke ist im Meinerzhagen lebendig, obwohl die Proportionen nicht mehr stimmen – die Decke ist zur Bauzeit um ca. 1,40 m. höher gewesen, seit 1474 spätestens sogar eingewölbt. Jetzt haben wir wieder eine glatte Holzbalkendecke, wie sie für viele romanische Kirchen, besonders in der Frühzeit, üblich war. Die Seitenschiffe sind kreuzgratgewölbt, die Emporengeschosse mit einer Pultschräge.

Nach Osten sehen wir die mit Spitzbögen ausgeschiedene Vierung, die Querschiffe führen optisch die Linie der Seitenschiffe weiter, da sie ja nicht ausladen. Die Rippengewölbe, davon das Vierungsgewölbe 1903 neugotisch wieder eingesetzt, haben gleichhohe Scheitel, die Rippen münden in den Kämpfergesimsen der Pfeiler oder in den Gewölbezwickeln auf zierlichen Blattkonsolen. Die Schnittpunkte münden in Schlußsteinen. Dem schlichten architektonischen Schmuck folgen auch die gotischen Fenster in westfälischer Zurückhaltung: Stein, Holz und Stuck bilden das Maßwerk aus Vierblatt, Dreiblatt und Fischblase mit einfacher Mittelstütze. Die Verglasung ist natürlich in den vielen Wirren der Zeitläufe verloren gegangen und stammt jetzt aus den 30er Jahren (L. Preckel, gestitet von Fuchs) aus einer Kölner Werkstatt in der Nachfolge des berühmten Jugendstil-Künstlers Thorn-Prikker.

Im Zentrum der Vierung hat das herrliche Ausstattungsstück aus der Erbauungszeit, der Taufstein, seinen Platz gefunden. Er war schon im 18. Jt. Aus der Kirche entfernt worden. Seine Überreste wurden in einem Brunnen wiedergefunden und nach Vorbildern ergänzt. Die typisch rheinische Kelchblüten-Form mit dem achtseitigen Rand und den umlaufenden Säulen gibt es in Marienheide und Wiedenest, auch in Kierspe und an vielen anderen Orten der Gegend. Sandsteintaufen sind bis nach Mecklenburg weit verbreitet gewesen, und zwar wurde der schöne weiße Stein von Gotlandfahrern als Ballast in ihren Schiffen wieder mit zurückgebracht. Daher klärt sich die Verbreitung vor allem entlang der Handels- und Hansestraßen.

Die verschiedensten Nischen um die allerheiligsten Orte in der Kirche, in der Apsis und um die Vierung herum, die bei der letzten Renovierung wieder gefunden wurden, waren Sakraments- und Reliquien-Nischen. Es sind ja vor der Reformation 1575 fünf Altäre in der Kirche bezeugt, die alle ausgestattet waren. Vielleicht hat in einer Nische auch das wundertätige Marienbild seinen Platz gehabt. Überlegungen zu Wandgräbern scheinen mir nicht gerechtfertigt, da zur Zeit des gotischen Erweiterungsbaus Wandbestattungen (aus der Antike überliefert) nicht mehr vorgenommen wurden. Man hatte die Krypta für Geistliche oder Stifter (in M. nicht vorhanden) oder bestattete unter den Bodenplatten in der Kirche und auf dem umfriedeten Hof.

Im 19. Jt. Hat die Kirche ihre schwerwiegensten Veränderungen erlebt. In den vorangegangenen Wirren war das Marienbild verschwunden, die Seitenaltäre und etliche Heiligenfiguren auch, die nach der Reformation 1575 in der Kirche verblieben waren. Nach dem Brand 1797 wurde das Dach tiefer gelegt und flach gedeckt, die Gewölbeträger weggenommen, der einzig übrige gotische Flügelalter verkauft, Emporen in die Querschiffarme gebaut und die Lettneranlage erstellt, dazu noch nach gotischem Geschmack ausgemalt.

Denkmalpflege im Sinne von  Wiederherstellung und Erhalten beginnt um die Jahrhundertwende, für Meinerzhagen sind 1902 mit einer Renovierung, 1936 mit Grabungen und 1968 mit Entdeckungen an der Westwand des Langhauses von Wichtigkeit. Die Ergebnisse helfen uns, viele Fragen zu stellen und vergleichend etwas mehr Licht in das Dunkel der Baugeschichte zu bringen. Einigen Fragen möchte ich nun schrittweise nachgehen.

1.     Eine Gemeinde ist bereits im 11. Jt. Gegründet worden. Wo war der erste Sakralbau und wie sah er aus?

Es gibt keine Informationen. Aufgrund der herausragenden Ortslage der jetzigen Kirche kann der gleiche Standort angenommen werden. Grundmauern eines Vorgängerbaus sind nicht ergraben. Sehen wir uns noch einmal die Langhauswand an (Dia Nord-Wand) Der Wandaufbau beginnt sehr schlicht mit Rundbogenfenstern im Untergeschoß, das Emporengeschoß ist nach innen abgesetzt. Die Lisenen laufen nicht bis zum Sockel, sondern unterteilen nur bis zum umlaufenden Sims. Die vertikale Fensterachse stimmt auch nicht mit den schmalen Rundbogenfenstern des Erdgeschosses überein, genausowenig wie die Portale – im Norden geht es sogar über die Geschoßhöhe hinaus (Dia Rundbogen im Mauerwerk). Die Rundbogenfenster sind 1968 im Mauerwerk gefunden worden, wobei das östliche sicher schon früh erweitert worden sein kann, vielleicht mit dem gotischen Anbau. Das bedeutet, diese schmale Form ist original, der Wandaufbau aber dann unromanisch, da nicht maßhaltig. Zwei Vermutungen – und es sind nur Vermutungen, wenn nicht etwa Materialuntersuchungen folgen können – zwei mögliche Erklärungen gibt es:

a)      Das Untergeschoß des Langhauses stammt aus einem Vorgängerbau Der Erweiterungsbau – offenbar war für die vielen Heilssuchenden ein Emporenbau nötig – hat es in den neuen hochmodernen rheinischen Schmuckformen folgenden Kiirchenbau einbezogen.

b)     Der erste Bau ist vergangen. Der Neubau war bis zur Geschoßhöhe gediehen, als aus welchen Gründen auch immer der Bau stagnierte und einige Zeit später mit einer neuen Bauhütte aus dem Rheinland fortgesetzt werden konnte, die ihre Ideen umsetzten. Zum Vergleich zeige ich Ihnen eine Abbildung der Reformationskirche in Hilden, die als Eigenkirche des Kölner Erzbischofs zum Beginn des 13. Jts. In dieser Gestalt gebaut wurde. (Dia 8 Hilden außen). Ich komme auch später immer wieder vergleichend auf diesen Bau zurück, da er sich in Baukörper, Raumkörper und Einzelformen so erhalten hat, wie ich mir Meinerzhagen II ganz ähnlich vorstellen kann. Außerdem ist sie von baulichen Veränderungen späterer Zeiten – mit Ausnahme der Wiedererrichtung des Turms – weitgehend verschont geblieben und kann also einen relativ unverfälschten Eindruck von der Erbauunszeit geben. Die vom Blendbogen über die Emporenfenster zum Sockel führenden Lisenen sind deutlich erkennbar, die exakte Sammetrie ves vertikalen Aufbaus, die Größe der Erdgeschoßrundbogen, die Fluchtlinie des Portals, keine Simsleiste in Geschoßhöhe – Bauwerk aus einem Guß, einem fortlaufenden Entstehungsprozeß.

2.     Wie war die originale Außengestaltung?

Geht man davon aus, daß in Westfalen vor allen Dingen Natursteinkirchen gebaut wurden, auch im rheinischen Raum wegen der sehr schönen lebendigen Farbigkeit der Steinvorkommen diese Außenform bevorzugte, kann man sich Meinerzhagen auch unverputzt vorstellen. Die tragenden und schmückenden Bauteile waren vielleicht so verziert wie an unserem Hildener Beispiel. (Nachricht in den Bauakten?)

3.     Wie sah die Ostanlage des spätromanischen Baus aus?

Als 1936 bei Renovierungsarbeiten der Chor tiefergelegt wurde, stieß man in geringer Tiefe auf Grundmauern, die den Grundriß der früheren Ostanlage erschließen helfen (Dia 9 Grundriß Meinerzhagen heute) Betrachten wir zunächst den heutigen Grundriß, dreischiffige Anlage, Querhaus, Apsis. Im Westen Turmlage mit beidseitigen Treppengeschossen, Turmgrundriß mit sehr dickem Mauerwerk hat das Quadratmaß der Vierung, das Mittelschiff mit vier Jochen beinhaltet 2 mal dieses Maß. Die Wölbung fehlt. Die Seitenschiffe sind schmal – nicht die Hälfte des Quadratmaßes, wie sonst in der Romanik üblich, vierjochig kreuzgewölbt, mit Gurtbögen. Das Querhaus schließt mit der Langhausflucht in glatter Linie ab, mit der Vierung kreuzrippengewölbt, es schließt die 3 seitige Apsis an, in der Nordecke die Sakristei. Die beiden Seitenportale gegenüber im 2. Joch. Wenn man den Grundriß betrachtet, kann man auch nur immer wieder die Baumeister bewundern, die den gotischen Ostbau so harmonisch und sensibel in das bestehende Bauganze eingefügt haben. Wie könnte nun die frühere Kirche ausgesehen habhen? (Dia 10 Folie Alt-Meinerzhagen) Vor beiden Seitenschiffen verlaufen die Fundamente halbkreisförmig und münden unmittelbar und in gleicher Stärke in die westlichen Vierungspfeilerfundamente, so daß der Zusammenhang mit dem romanischen Bau zweifelsfrei angenommen werden kann. Zwischen den Vierungspfeilern verlaufen die Fundamente in ununterbrochener Linie in West-Ost-Richtung. Apsisfundamente wurden nicht gefunden. Der damalige Baumeister Petermeise nimmt ashclüssig an, daß die jetzige Apsis auf dem Fundament des halbrunden Chorschlusses errichtet wurde, weshalb der flache 3/8-Schluß gewählt worden sei. Gerader Chorschluß ist aufgrund der Seitenapsiden und des rheinischen Übergangsstils nicht zu vermuten. Vergleichen wir mit dem Hildener Grundriß (Dia 11 Grundriß Hilden). Sie sehen, die Übereinstimmung ist frappant, bis zu den Außenmaßen ! Das Maßquadrat ist jedoch kleiner als das Meinerzhagener, ebenfalls die Nebenapsiden (nach N spätere quadratische Sakristei). Aufgrund der Grabungsfunde und dieses Vergleichs können wir die romanische Ostanlage mit quadratischem Chor, halbkreisförmiger Hauptapsis und halbkreisförmig geschlossenen, tief gebusten Nebenapsiden mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen. Wenn hieraus auch Schlüsse auf den Baukörper gezogen werden, ergibt sich eine Anlage entsprechend dieser Zeichnung (Dia 12, Aufriß Meinerzhagen). Diese Rekonstruktion stützt sich außer auf den Vergleich mit Hilden vor allem auf den Befund oberhalb der Mittelschiffdecke über dem Dielenfußboden des Dachbodens. (Dia 13 Folie). Hier ragt der alte Triumphbogenabschluß 1,40 m. Scheitelhöhe heraus. Aus seiner Existenz geht klar hervor, daß Meinerzhagen II eine querschifflose Basilika ähnlich der Hildener Anlage gewesen sein muß. Der Triumphbogen bildet den Abschluß des überhöhten Mittelschiffes gegen den niedrigeren Chor und trägt als Scheitelbogen zum heiligen Altarbezirk häufig symbolische Darstellungen, z.B. eine Triumphbogengruppe (Westfalen, Mecklenburg). In den Rheinlanden waren Bogengeschmückte Nischen mit eingestellten Figuren oder Malerei verbreitet. In Hilden gibt es eine Dreipaßnische. Wie der Meinerzhagener Triumphbogen aussah, ist nicht zu rekonstruieren.

4.     Die Wölbung von Mittelschiff und Emporengeschossen

Die Meinerzhagener Kirche war gewölbt, spätestens seit dem gotischen Umbau. Daß die Romanik in ihrer Spätzeit durchaus gewölbefähig und besonders in Köln gewölbefreundlich war, zeigen uns viele Beispiele (Dia 11 Gr. Hilden). Auch unsere Hildener Kirche hat bis heute ihre Kreuzgratwölbung behalten, wir erkennen das gebundene System. Jedem Maßquadrat im Mittelschiff entsprechen 2 Maßquadrate in den Seitenschiffen. Das läßt sich schon am Hildener Außenbau ablesen (Dia zurück 8). In Meinerzhagen scheint eine Wölbung nicht von Anfang an bestanden zu haben, da Vorlage und Verstärkungs-Fundamente vor den Pfeilern (sieh Hilden) nicht ergraben worden sind. Aufgrund der Mitteilungen im Archiv haben die 1846 entfernten Vorlagen und Halbsäulen keinen Fundament- und Mauerverbund gehabt. Da ein gebundenes System daher statisch unmöglich war, hat es sich bei der Meinerzhagener Wölbung um ein gleichlaufendes System gehandelt – jedes Mittelschiffgewölbe entsprach einem Seitenschiffgewölbe. Schub und Last der schmalen, querrechteckigen Mittelschiffgewölbe können duchaus auch von vorgelagerten Elementen getragen werden. Möglich wäre auch ein Rippensystem auf Konsolen, das erst in Geschoßhöhe in den Bogenzwickeln ansetzte (siehe S. Maria im Kapitol oder St. Ursula in Köln). Mit der Frage der Gewölbeträger geht die Frage auch wieder zurück zur Bauzeit des Langhaus-Untergeschosses (wie vor). Noch einmal erwähnen möchte ich, daß nach Einsturz des Gewölbe Ende des 18. Jts. Die Flachdecke viel niedriger eingezogen wurde, was dem Raumeindruck bis heute schadet. Damals erhielten auch die Emporengeschosse schräge Holzdecken. Es ist anzunehmen, daß sie wie in Hilden kreuzgratgewölbt waren und nach Osten apsidial schlossen (Dia Hilden 13). Ich vermute aufgrund der 1968 aufgefundenen Kapitell-Basen und Vorlagenfragmente aus romanischer Zeit auch zumindest die Wölbungsvorbereitung, wenn nicht Durchführung. Ähnlichkeiten mit Zierformen am Taufstein und im Vergleich mit den Kapitellen der Emporenöffnungen oder auch der Hildener Schmuckformen lassen diesen Schluß zu.

5.     Wie sah die Westwand aus?

Vom Turm und der Westlichen Schiffswand habe ich bisher noch nicht gesprochen. Der Turm ist ja 1816 erneuert worden, »von Grund auf«, und man hat nikcht daran gedacht, daß die Westwand zu Schiff hin weitgehend erhalten geblieben sein könnte. Das muß aber so gewesen sein, da der heutige Turm der Westwand vorgebaut ist (siehe Grundriß), außerdem hätte die barocke Treppenanlage, die in den Mauerklötzen vor dem ebenfalls erhaltenen Rundbogen zum Mittelschiffeingang verboregen war, nicht entdeckt werden können. Die ursprünglichen Emporenaufgänge – also zu Seiten- und Westempore – lagen wahrscheinlich in den starken Turmostgewänden wie in Hilden oder Maria Lyskirchen (Dia 14). Eine Emporenanlage impliziert im allgemeinen den Umgang, d.h. auch im Turmgeschoß wird eine wie auch immer gestaltete Öffnung zum Schiff hin bestanden haben. (Dia Hilden). Die seitlichen Durchgänge sind unter dem Putz wiedergefunden. Die Aufgleiderung der Westschiffswand würde in jedem Fall zum rheinischen Formenkanon gehören. An der Turmwand sind in Turmgeschoßhöhe unter dem Putz ganz schwach rundbogige Vermauerungen zu ertasten, innen in den Dachbodenzwickeln erhalten – aber dieser Befund ist schon beinahe im Bereich der Spekulation!

6.     Farbgestaltung und Wandmalerei

Lassen Sie mich zum Schluß auf die sensationellen Funde eingehen, die bei der letzten Restaurierung 1968 in eben diesen unter der damals noch weit ausladenden Westempore entfernten klotzigen Stützen gemacht wurden (Dia). Die über 70 Teilstücke der romanischen Bausubstanz habe ich schon angesprochen, teilweise sind Fabrbigkeiten wunderbar erhalten. Gehörten sie zur Gliederung der Westwand? Befand sich eine Nischengruppe im Triumphbogenfeld? (Hilden) Existierte vielleicht ein Lettner (eine solche Existenz wird aber nirgends erwähnt). Ihre Funktion liegt leider weitgehend im Dunkel. Aber unter der gefundenen Treppe aus dem 16. Jt. Hatte sich im zugemauerten Westbogenfeld auch ein Stückchen originaler Wandmalerei erhalten.

Die romanischen Kirchen haben ihre großen Wandflächen und die Architekturgliederungen farbig gestaltet. Die Gliederungen sollten hervorgehoben werden und Rhythmus geben – wie es jetzt in dieser Kirche nachempfunden ist – die Hauptsache war die bildhafte Darstellung des christlichen Heilskanons für die immerwährende Verkündigung an den mittelalterlichen Gläubigen, der diese Art der Predigt zu lesen verstand, er beherrschte die symbolhafte Zeichensprache seiner Zeit auch ohne die Buchstabnekunst, die dmals weitgehnd dem Klerus vorbehalten war. Anders als in Lieberhausen etwa, sind die Fresken der Meinerzhagener Kirche bis auf ganz wenige Spuren untergegangen. Während der Baumeister Albrecht 1898 »keine Spur von Bemalung« fand und selbst dick auftragen ließ, waren 1936 die Methoden schon vervollkomnet: Petermeise entdeckte Reste in der Vierung, am Triumphbogen kann er ein Fragment als Teil einer Kreuzigungsgruppe bestimmen. Im 1. Südlichen Gurtbogen gabe es ein Bandornament, das wurde übertüncht. Das einzige für uns erhaltene Fragment im westlichen Arkadenbogen zeigt auch nicht mehr sehr viel. Wir erkennen die lineare Unterzeichnung eines Ranken- oder Rosenblütenornaments in geschwungener, gegenläufig wiederholender Bewegungsform. Wie die Liniengerüste durch weiteren Farbauftrag zum Bedeutungsträger werden und den Gegenstand modellieren, ist leider unwiderruflich verloren. Ich habe ein vergleichbares Ornament bisher nicht gefunden. Ich würde es gerne in die Entstehungszeit des Baus einordnen, aufgrund fehlender eindeutiger Vergleiche ist das aber nicht möglich. Ich verspreche, ich arbeite weiter daran! In der gotischen Wandmalerei findet man derart schwungvolle vegetabile Muster schon sehr häufig. Spätestens aus dieser Zeit hat sich diese Botschaft erhalten, besonders dann, wenn es sich um ein Rosenmotiv handeln sollte.

Alle die aufgeworfenen Fragen lassen sich mit endgültiger Sicherheit nicht beantworten, werden solange im Dunkel der Geschichte ruhen, bis vielleicht spätere Forscher zu neuen Erkenntnissen gelangen und ein weiteres Puzzlestück in die interessante Geschichte der schönen Meinerzhagener Kirche einfügen.

Jutta de Vries 7. September 1996 in situ